Alles noch da, aber nichts wie es war

25.04.2014,
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Foto: Bostjan Tacol (www.facebook.com/PhotobillyPhotography)

Wir haben viele Feuer geheizt. Zu fast jeder Jahreszeit. Außer es lag Schnee. Große unternehmungslustige Feuer. Wärmende Lagerfeuer. Zivilisierte kleine Grillfeuer, die wir, gleich nachdem sie ihren bruzzelnden Dienst getan hatten, wieder mit dem dürren Unterholz unserer Gärten fütterten. Je nach dem, wo wir gerade heizten. Bei ihm oder bei mir. Frisches nasses Holz zischt. Trocken muss es sein. Erst ab einer gewissen Größe frisst ein Feuer auch frisch geschlagene Äste.

 

Wenn ich durch den Garten ging, sammelte ich immer das trockene Holz. Für unsere Feuer. Alle größeren Äste der geschnittenen Bäume und Sträucher sägte ich in die passende Länge. Sie kamen auf den Brennholz-Platz, wo sie über die nächsten Monate trocknen würden. Wenn er dann von einer seiner langen Reisen heimkäme, wäre alles da, um gleich wieder ein ordentliches Feuer zu heizen.

 

Ich könnte nicht mehr sagen, welche die besten Feuer waren. Die großen, neben denen wir nächtens im Gras hockten und den aufstiebenden Funken zuschauten, während rundherum das kalte Licht der Glühwürmchen irrlichterte. Oder die kleinen, die er sogar im Winter in der selbst gebauten Kochstelle neben der Terrasse entzündete, weil ihm die laue Zivilisationstemperatur des Elektroherds nicht kräftig genug war für den Wok. Als wir auf der Elektroplatte Schnaps brannten - Hauszwetschke und Williams Birne übrigens - stellten wir übereinstimmend fest, dass das eigentlich unsportlich sei und der Vorgang künftig über einem ordentlichen Feuer vonstatten zu gehen hätte. So wie wir es als Kinder bei den schnapsbrennenden Großvätern und Onkeln erlebt hatten. Der Duft des Holzfeuers fehlte irgendwie.

 

Deshalb briet er auch mit der für solche Experimente nötigen Begeisterung und Aufgeregtheit maßgebliche Teile großer Tiere lieber im Freien über offener Glut. Den Fleischhauer hatte er gezwungen, sie genau nach seiner Anleitung zu zerlegen, irgendwo in Asien oder sonst wo hatte er gelernt, wie das geht. Dass es November war, störte ihn nicht. Während wir in nebeliger Nacht diese Braten wendeten, begossen und darüber debattierten, ob sie schon "durch" seien, wobei wir nie unterschiedlicher Ansicht waren, was "durch" bedeutet, standen behandschuhte Gäste in Schal und Haube daneben. Ihr Stadtgewand würde später stinken wie frisch aus der Selch geholt. Warum, fragten sie vorsichtig, macht ihr das eigentlich nicht im Backrohr wie jeder normale Mensch? Weil das nix wird, meinte er nur, seiner Sache über dem Feuer zugewandt.

 

Er brachte besonders scharfer Chili-Sorten aus Mexiko, aus Afrika, aus Asien mit. Die säte ich aus, sie gediehen gut. Wir verkosteten sie und befanden sie unser würdig. Wie allerdings die Mexikaner die Chilis richtig räuchern, denn das tun sie, fand ich nie so recht heraus. Wenn ich Paradeiser erntete und er sagte: "Das sind die besten Paradeiser der Welt. Ich habe gar nicht mehr gewusst, wie ein echter Paradeiser schmeckt!", freute ich mich sehr und vergaß es nicht und baute im nächsten Jahr gleich noch ein paar Paradeisersorten mehr an, um sie mit ihm zu verkosten.

 

Ich habe, solang wir Feuer geheizt haben, nicht darüber nachgedacht. Aber irgendwie will mir jetzt, wo ich in meinem Garten stehe und mit einem schrecklich kalt brennenden Loch in der Herzgegend um mich schaue, scheinen, als ob diese Feuer einen Bannkreis um uns und unseren gemeinsamen Freundeskreis gezogen hätten. So als ob wir uns mit dem Feuer die tiefste Vergangenheit, all die Länder ferner Kontinente, wo man noch ganz selbstverständlich Feuer heizt, das Wilde, Ungekämmte, Ungezähmte vorübergehend heimgeholt hätten. Auf einen kleinen, fröhlichen Punkt jenseits von Zeit und Raum konzentriert. Ganz hell, ganz heiß. Und rundherum Schwärze, als ob zumindest für diesen einen Moment nichts sonst da wäre.

 

Keiner ist unersetzlich, sagt man in unserer zivilisationshastenden Zeit. Ja, freilich. Stimmt auch. Jederzeit kann man eine Lücke in einer Organisation stopfen mit Menschen, die gut funktionieren, vielleicht besser als der oder diejenigen, die von ihnen ersetzt werden. Doch die Wenigen, die einem jenseits dieser glatten Kühle Freund sind, hinterlassen eine schrecklich leere Stelle im Herzen, wenn sie gehen. Ich wandle durch den Garten. An Pfefferonipflanzen, Paradeisern, der Feuerstelle vorbei. Alles noch da, aber nichts, wie es war.

FOTO: Bostjan Tacol www.facebook.com/PhotobillyPhotography