Alte Hennen auf Wodka

06.03.2016,
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Des Frühlings holder, belebender Blick schweift eindeutig schon umher, und die Vorahnung von Ostern geistert schon seit Wochen durch die Supermärkte. Leute, die ein paar Hühner halten und in drei Wochen anlässlich des Festes Eier färben wollen, beginnen jetzt die weißen unter ihnen zu sammeln.


Die Erwähnung dieses ab sofort täglich zu wiederholenden Eier-Hamsterns wirft bei interessierten Noch-Nicht-Hühnerhaltern erfahrungsgemäß sogleich mehrere Fragen auf: Warum jetzt schon Eier sammeln? Welche Hennen legen eigentlich weiße Eier? Legen sie die auch ohne Hahn? Und überhaupt, zahlt sich das Hühnerhalten im eigenen Garten aus? Die stets zögerlich zuletzt gestellte Frage: Wie alt werden Hühner eigentlich, und muss man sie etwa irgendwann einmal schlachten, Gott bewahr’?


Hier die Antworten in übersichtlicher Chronologie: Die Eier werden rechtzeitig gesammelt, weil sie zumindest eine Woche alt sein müssen, will man sie nach dem Kochen auch schälen können. Das frische Ei gibt sein Inneres nur den Geduldigsten preis, also jenen, die auch vor einzeln abzulösenden quadratmillimeterkleinen Eierschalenfitzeln nicht kapitulieren.


Zur Schalenfarbe: Nur Hennen deren Haut rund um die Ohrlöcher weiß ist legen weiße Eier. Die Federfarbe hingegen sagt gar nichts aus. Hähne brauchen sie dazu übrigens beglückender weise nicht. Legehennen spendieren je nach Hühnerrasse auch als zufriedene Singles bis zu 300 Eier pro Jahr. Das beantwortet auch die nächste Frage, und zwar eindeutig mit ja: Das Halten von ein paar Hühnern macht viel Sinn bei wenig Arbeit.


Zum einen ist das Bio-Ei aus eigener Produktion in kulinarischer Hinsicht an Güte und Köstlichkeit mit keinem anderen vergleichbar. Zum anderen erfreuen sich die Hühner an fast allem, was in der Küche abfällt. Ein segensreicher Kreislauf findet statt, doch nur, wenn genug eingezäunter Wiesenplatz und Gartenauslauf vorhanden ist. Mindestens vier Hennen sollten beisammen sein, und zwar nicht aus Eigennutz, weil man genug Eier haben will, sondern weil das Huhn Gesellschaft braucht.


Nach diesem doch beträchtlichen Anlauf nun zur Sache: Ja, auch die in die Jahre gekommene Legehenne wird geschlachtet. Das viele Eierlegen hat ihre Innereien ermüdet, das alte Huhn neigt zu bösen Erkrankungen des Legedarms, und wer ein paar Hühner auf diese Weise in großer Pein verenden sah, überwindet seine Vorbehalte samt der Idee, der natürlich Tod des Legehuhnes sei moralisch hochwertiger, ganz schnell.


Als das Schlachten vor Jahren hier zum ersten Mal anstand, kam mir, warum auch immer, Hans Huckebein in meinen betrübten Sin: Der volltrunkene Rabe des Wilhelm Busch - was für ein Vorbild. Ich würde meinen braven Hennen einen fulminanten Abschied gönnen. Ich würde sie ein letztes Mal mit den von ihnen zeitlebens so geliebten Semmelwürfeln füttern, diesmal allerdings nicht mit Buttermilch, sondern mit den ungeliebten Schnapsbeständen getränkt, die ohnehin seit Jahren sinnlos in ihren eingestaubten Flaschen herumstanden. Diese trefflichen Hühner würden luxuriös im Rausch dahinscheiden und, ohne etwas zu bemerken, in den Hühnerhimmel eingehen.


Die Nachbarin assistierte - zwar äußerst ungern, doch als Teilhaberin und Genießerin eines täglichen Frühstückseis konnte sie nicht so leicht umhin. Wir trafen uns frühmorgens vor dem Gehege, gossen die uralten Vodka-, Tequila- und Obstlerbestände über die Semmelwürfel und boten sie dem Federvieh dar. Es fraß sie gerne auf.

Die Nachbarin und ich warteten, doch es passierte nichts. Die Hühner zeigten keine Anzeichen eines Schwipses. Sie brauchen mehr, sagte ich und schob eine Partie getränkter Semmeln nach. Wieder nichts. Möglicherweise, argwöhnten wir, war der Alkohol verraucht, die Schnäpse nur noch Wässerchen. Wir kosteten ein bisschen aus allen Flaschen, und da es frühmorgens war und noch vor der Frühstückszeit, bemerkten wir sehr schnell, dass durchaus noch genug Alkohol vorhanden war.


Während wir denn bald unter einem Apfelbaum im Gras lagen, Marienkäfer in Augenhöhe betrachteten und recht gut gelaunt waren, pickten die Hennen auf der anderen Seite des Hühnerzaunes in nüchternem Ernst weiter nach Körnern und Käfern, als ob nichts gewesen wäre. Die sind trinkfester als alte Seebären, bemerkte die Nachbarin, an einem Grashalm kauend. Jedenfalls trinkfester als wir, sagte ich und beschloss, ein Vormittagsschläfchen einzulegen.


Dieses Experiment, das war bei späterer nüchterner Betrachtung nicht von der Hand zu weisen, war missglückt. Doch lassen Sie bitte Milde mit uns walten. Wir standen damals erst am Anfang. Mittlerweile sind wir Profis. Bis dahin waten die Hühner bauchtief im Wiesenglück.

21 Tage und 21 Wochen
Minimalwissen zum Huhn

Legehuhn. In kommerziellen Betrieben werden Legehennen bereits nach 12 bis 15 Monaten geschlachtet, weil die Legeleistung nachlässt. Im eigenen Garten kann ein Huhn ruhig zwei, drei Jahre Würmer picken, dann wird es alt und gebrechlich und wird, wie die alten Bäuerinnen sagten, abgestochen.


Geduld, Geduld. Es dauert 21 Tage bis ein Küken schlüpft und 21 Wochen, bis eine Henne legt.


Fleischhuhn. Das Turbohendl für die Pfanne hat mit einer Legehenne nicht mehr viel gemein. Es ist auf extreme und schnell produzierte Muskelmassenproduktion gezüchtet und hat sich binnen 33 Tagen auf Schlachtreife herangefressen. Nicht-hybride, alte Hühnerrassen brauchen dafür Monate! 


Ethik. Die heimischen Standards in Sachen Hühnerhaltung sind deutlich höher als jene im EU-Ausland, was man beim Einkauf doch auch bedenken sollte. Sowohl der Ei- als auch der Hühnerfleisch-Konsum ist gewaltig im Steigen begriffen und die heimische Produktion kann den Bedarf nicht abdecken. Das führende Exportland ist Brasilien.