Blumen in der Villa über dem Meer

01.02.2016,
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Die Dame des Hauses war ein altes, spindeldürres Fegefeuer. Sie herrschte über das ausgedehnte Reich einer kalifornischen Villa in den Hügeln von Los Angeles, hoch über dem Meer. Die Morgen waren fast immer sehr nebelig. Der Pazifik schickte seinen feuchten Atem über die Gärten, aus gewaltigen Eukalyptusbäumen tropfte der Tau herab auf makellose Rabatten, unkrautfreie Rasenmatten und stille Straßen, auf denen niemand ging, weil es keine Gehsteige gab.


Wenn am Nachmittag auf der beschatteten Terrasse Kaffee getrunken wurde – wässrig und mit fettarmer, jedoch mit Vitamin D versetzter Milch – hatte längst die kalifornische Sonne das Regiment übernommen. Es wurde dann sehr heiß. Aus dem Garten unten war ein beständiges Klick Klick Klick zu hören. Ein Mexikaner schnitt gemeinsam mit seinem höchstens 14jährigen Sohn mittels recht kleiner Scheren die Rasenkante, natürlich jeweils nur dort, wo man die beiden von oben nicht sehen musste. Ein Illegaler, bemerkte nebenbei die Dame des Hauses, die meinen suchenden Blick bemerkt hatte. Das sei billig und überhaupt praktisch, denn diese Leute stünden Schlange, wenn es um solche Jobs ginge.


Das ist lange her und scheint mir doch recht aktuell, zwischenzeitlich auch im guten alten Europa, wo die zivilisatorische Errungenschaft des Mindestlohns derzeit gerade da und dort in Frage gestellt wird. Wir hielten damals jedoch erst in den ersten Tagen des Golfkriegs, und die Jugend des Hauses hatte es sich vor dem Fernsehgerät mit Bier und Tacochips gemütlich gemacht, um CNN zu schauen und live dabei zu sein, wenn die Bomben fielen. Sie waren begeistert und schrien, wenn etwas getroffen wurde. Das sah im Fernsehen aus wie bei einem Computerspiel.


Die Dame des Hauses zupfte derweilen mit behandschuhten Fingern an ihren Usambaraveilchen herum. Die waren ihre Leidenschaft, sie hatte viele von ihnen. In Rosa, Weiß, Lila und auch solche mit zweifärbigen Blüten. Alles Verblühte müsse entfernt werden, meinte sie, dann würden neue Knospen auftauchen und der Flor viel länger halten.

 

Die meisten Leute begingen an Usambaraveilchen Verbrechen, so berichtete sie, indem sie die kleinen Dauerblüherinnen zu starker Sonne aussetzten und insbesondere die wichtigste Gießregel in Sachen Usambaraveilchen missachteten: Immer nur von unten über den Untersetzer bewässern, niemals die Blätter benetzen, nicht zu feucht halten, aber auch niemals austrocknen lassen.


Ich war vor den johlenden, kriegsgeilen Jungmännern in die falsche Richtung geflohen und in ihre Fänge geraten. „Warum“, fragte ich sie, „freuen sich die so?“ Sie hielt inne und schaute so entgeistert von ihren Usambaraveilchen auf, als ob ich mich nach den Qualitäten ihres letzten Liebhabers erkundigt hätte. „Was glaubst du denn?“, sprach sie, „Krieg bedeutet, dass es mit der Wirtschaft bergauf geht.“ Ich ging in den Garten hinaus, der kleine Mexikaner war schon weg, ich half seinem Vater beim Gießen, wir rauchten heimlich eine miteinander.


Am nächsten Tag floh ich in die richtige Richtung, weg von Usambaraveilchen und Fernseher. Ich ging auf den menschenleeren Straßen spazieren und betrachtete die wunderbaren Gartenanlagen der kalifornischen Geld-Elite. Alles blühte, der Eukalyptus duftete. Eine Polizeistreife rollte langsam durch die Gegend und hielt direkt neben mir. Wie im Film. Der Cop auf dem Beifahrersitz ließ das Fenster herunter und fragte mich, ob alles in Ordnung sei. „Ich geh nur spazieren“, sagte ich. Die zwei Polizisten schauten sich an und lachten: „Aus Europa?“ Am übernächsten Tag wurde ich wagemutiger und floh mit dem Fahrrad hinunter ans Meer, und das war wie ein Heimkommen. Früher Morgen, nasser Sand, Salzduft, Möwengeschrei, Wellen, kaum ein Mensch weit und breit. Wunderbar.


Dann die Hochzeit der Tochter des Hauses, derentwegen ich ja da war. Als der Brautstrauß geworfen werden sollte, floh ich in die Küche des Hotels. Lauter Latinos. Mexikaner, Puerto Ricaner. Laute Musik, eine irre Hitze, Fettdunst überall. Erst erstaunte Blicke, dann meine Erklärung: Ich will keinen Brautstrauß fangen. Gelächter und eine in die Hand gedrückte Limo. Dann die wütende Brautmutter, die in die Küche rauschte, mich am Arm packte und in die kreischende Jungfrauenmenge unter der dicklichen Braut auf der Bühne zerrte. Der Brautstrauß landete exakt zu meinen Füßen. Es war kurz ein wenig still, dann bückte sich die Brautjungfer neben mir, hob ihn auf und alles kreischte weiter.


Ich war nie wieder in dieser Villa über dem Meer. Es hat auch lang gedauert, bis ich Usambaraveilchen gegenüber wieder Sympathien aufbringen konnte. Erst gestern habe ich mir nach mehreren Jahrzehnten wieder welche gekauft. Sie können schließlich nichts dafür.

Erschienen in der Presse

Usambaraveilchen. Sie tragen ihren Namen nach ihrer Heimat in Tansania, den Usambara-Bergen. Erhältlich ist nur die größere Zuchtform. Die Pflanze blüht das ganze Jahr über.

 

Pflege. Wie erwähnt, dürfen die Blätter nicht benetzt werden, das Gießen erfolgt ausschließlich mit kalkarmem, zimmerwarmem Wasser über den Untersetzer, und das nur, wenn die oberste Substratschicht bereits trocken ist.

 

Vermehrung. Stecken sie einfach ein Blatt zur Hälfte in die Erde, halten Sie das Substrat feucht aber nie nass. Nach einigen Wochen werden sich weitere Blätter bilden.