Das Zepter der Gartentyrannei

16.11.2013,
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"The Fairy": muss im Frühjahr auch bodennah abgeschnitten werden...

 

In einem früheren Leben lehnte ich das Schneiden von Sträuchern mit Heckenscheren ab. Dafür gab es mehrere Gründe. Der wichtigste: Ich mag geometrisch geschnittenen Sträucher nicht. Hinter der zu Kuben vergewaltigten Natur vermutet man unweigerlich die kleinen Sonnenkönige des Schrebergartens, verschanzt in ihren zwänglerisch säuberlichen Reichen. Wo kein Zweig Ordnung und Symmetrie stören darf, erstarrt das Gartenleben zur Diktatur, und die Heckenschere schien mir stets das Zepter der Gartentyrannei zu sein.

Deshalb gab ich basisdemokratisch gärtnernd Monate meines Lebens mit Gartenscheren, Astzangen und Sägen hin – und wurde doch im Lauf der Jahre überwuchert. Wege verjüngten sich, Pfade schlossen sich, obwohl sich hinter mir Gebirge von abgeschnittenen Ästen und Zweigen türmten. Gut eingewachsene Sträucher wachsen, was das Zeug hält. Und wer sie nicht schneidet und verjüngt, so lehrt die Fachliteratur, wird bestraft. Manche Sträucher kappt man im Herbst, andere im späten Winter, andere nach der Blüte im Frühling. Die einen gehören nur ausgelichtet, andere schreien nach radikalen Verjüngungsschnitten. Was also, fragte ich stets, soll mir eine Heckenschere, wo doch feines Ziselieren am Geäst angesagt ist, und nicht grobes Schmieden?

Dann erwarb der untere Nachbar, der angesichts der Bärte des Winterjasmins die Nerven wegschmiss, eine Heckenschere.
Kurzer Exkurs: Einer unserer Ahnen, wir verdächtigen den Großvater selig, infizierte dieses karge, steile und an Felsen und bröckelnden Wänden reiche Grundstück mit der Pest des Winterjasmins. Der pflegt lange struppige Triebe zu bilden und alles mit meterdicken, undurchdringlichen Matten zu überwuchern. Wo sich früher Wege schlängelten, hängen die Bärte des Winterjasmins. Wo Terrassen zum Verweilen luden, starrt Winterjasmingestrüpp.

In den allerletzten Momenten meines zu Beginn erwähnten früheren Lebens befand ich mich mit einer Gartenschere in der Hand soeben mitten im Strauchwerk, als der untere Nachbar heraufgeschlendert kam und nach Kaffee verlangte. Er schien mir ungewöhnlich vergnügt, also fragte ich ihn, was Sache sei.

 

Er habe, so berichtete er, eine Heckenschere erworben, um die Bärte zu schneiden. Und, fragte ich, ob er sie in Form habe bringen können? „Was heißt hier in Form“, strahlte er: „Sie sind so gut wie weg!“

Es stellte sich heraus, dass es sich bei besagter Heckenschere um ein echtes Gerät für Erwachsene handelte, also keineswegs um eines dieser akkubetriebenen Spielzeuge für Sandkistengärtner. Es gelüstete mich sofort, das Werkzeug zu erproben, etwa am sehr alten Efeu, der an mancher Mauer halbmeterdick wächst, besser gesagt, wuchs. Denn die Heckenschere schnitt wie durch Butter durch alles, was ihr in den Weg kam. Erst durch den Efeu. Dann durch den längst überfälligen Flieder. Sie bemächtigte sich des Hartriegels und mancher plötzlich überflüssig erscheinenden Heckenrose. Sie tanzte mit mir an der Hand über den Liguster, brach sich Bahn durch den Feldahorn.

Ich gewann die Heckenschere augenblicklich lieb, und es schmerzte mich, als ich mich viele Stunden später in der Dämmerung von meiner neuen Busenfreundin verabschieden musste. Du darfst sie wieder ausführen, versprach der Nachbar, aber jetzt gönn ihr einmal ein paar Stunden Ruhe.

Mittlerweile weiß ich, dass mein Heckenscherenvorurteil dumm war. Ein gutes Werkzeug zu verdammen, nur weil es schlecht geführt wird, ist so kurzsichtig, wie beispielsweise kopfüber in ein Budgetloch zu stürzen, nur weil man es nicht hat kommen sehen wollen. Doch wie sagte Konrad Adenauer: „Man muss Geduld haben, wenn man etwas erreichen will, in der Natur und in der Politik.“

Manche Sträucher sind natürlich ungeeignet für die Behandlung mit der Heckenschere. Doch sogar einige Rosensorten, wie etwa die kleine „Fairy“, müssen im Frühjahr radikal zurückgestutzt werden, um später die rechte buschige Üppigkeit zu entfalten. Früher war das eine mühselige, dornenkratzige Schnippelei. Doch nunmehr fiebere ich diesem Augenblick freudig entgegen. Alles kein Problem mit der richtigen Maschine.

Erschienen in der Presse