Der Farn, der ein Spargel war

21.09.2013,
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Als ich noch „Für Elise“ auf einem Pianino klimperte, das bereits mehrere Generationen angehender Nichtpianisten zu Schanden gedroschen hatten, stand ein großer Asparagus auf der rechten oberen Ecke des gequälten Instruments. Den mochte ich nicht.

Er entwickelte meterlange, erstaunlich magere Triebe. Dort, wo er überhaupt welche hatte, ließ er so gut wie ununterbrochen vergilbte Nadeln fallen. Bevor man den Klavierdeckel öffnete, musste man ihn schütteln, damit später im wild bewegten dramatischen Teil der Elise, bei dem man Bs und Kreuze und deren Auflösung zugleich zu berücksichtigen hatte, kein Asparaguslaub zwischen die Tasten fiel. Das Klavier war mein Freund, der Asparagus nicht.

Später war ich klavierlos, dafür erwachsen, und ich konnte mir meine Zimmerpflanzen selbst aussuchen. Einmal lief ich in einem Blumenladen einem Asparagus über den Weg. Er machte einen deutlich vitaleren Eindruck als seinerzeit jener auf meinem alten Klavier, und da man abgelebte Feindschaften nicht pflegen, sondern auflösen soll, kaufte ich ihn und gab ihm alles, was ich an Zuneigung, richtiger Düngung und Lichtverhältnis zu bieten hatte.

Binnen kürzester Zeit begann er meterlange, erstaunlich magere Triebe zu bilden und überall dort, wo er welche hatte, kränkliche Nadeln zu verstreuen. Ich glaube zwar immer noch, alles richtig gemacht zu haben, doch die Pflanze strafte mich Lügen. Sie war offensichtlich unzufrieden, und ich begann sie abermals nicht zu mögen. Unsere Wege trennten sich. Gut, dachte ich, mit Asparagus bin ich, abgesehen von auf vorgewärmten Tellern und mit köstlichen Saucen servierten Exemplaren, fertig. Denn der Zimmer-Asparagus ist eine Spargelart und somit die Ziervariante des trefflichen Gemüses.