Der kluge Gärtner weiß, dass er nicht weiß

26.07.2014,
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Mit einem Garten ist es so: Erst formt ihn der Mensch, doch im Laufe der Jahre formt der Garten ihn. Meiner, zum Beispiel, hat mittlerweile bis zu einem gewissen Grad das Kommando übernommen. Ich habe begonnen, ihm zu dienen - und das ist kein schlechter Zustand. Ein paar Beispiele: Im Bereich der Buchshecke konnten heuer erstmals seit Jahrzehnten endlich wieder Zauneidechsen gesichtet werden. Eidechsen! Meine kleinen Freunde von früher, wohin wart ihr denn so lange entschwunden? Der Anblick der dicken Eidechsendame im Mai ebendort war jedenfalls eine großes Entzücken, denn angesichts ihrer Leibesmitte durfte davon ausgegangen werden, dass die Eiablage bevorstand. Noch mehr Eidechsen. Sehr gut. Vor kurzem nun konnte, wieder im Bereich der Buchshecke, tatsächlich ein offenbar frisch geschlüpftes Eidechslein entdeckt werden.

 

Und das ausgerechnet unter dem Buchs, der wieder einmal vom Zünsler heimgesucht wurde, was sich anhand der nagenden Zünslerraupen ausmachen lässt. Krise! Giftige Substanzen zur Raupenabwehr scheiden logischerweise wegen der Eidechsen aus. Der Buchs ist groß. Ich sammle die Raupen ab, ein Vorgang, den man in früheren Zeiten als "Lausklauberei" bezeichnet hätte, wobei der Zünsler-Befall heuer deutlich schwächer ist als im Vorjahr. Frage an die Buchsbaumbeobachter der Nation: Kommt es nur mir so vor, oder haben die Vögel mittlerweile gelernt, Buchsbaumzünslerraupen zu fressen? Erfahrungsberichte und Beobachtungen sind unter ute.woltron@diepresse.com willkommen.

 

Weiteres Beispiel: Der Muskatellersalbei neigt einerseits dazu, sich mächtig auszusamen, andererseits wächst sich jedes an unmöglichen Stellen gekeimte Muskatellersalbeipflänzchen zu einem Giganten aus. An seinen lila Lippenblüten laben sich aber, neben vielen anderen Tieren, besonders gerne die großen schwarzblauen Holzbienen. Die wärmeliebenden Insekten fliegen bis in den August, zumindest in Gegenden, in denen es sie überhaupt gibt. Wie kann man ihnen also ihre Lieblingsspeise wegnehmen, auch wenn die zwischenzeitlich ausgewachsen und meterhoch überall im Weg herumsteht? Bis der Salbei abgeblüht ist, gehe ich eben Umwege, selbst wenn sie über Steinmauern führen.

Weiter geht’s: Da der Schwalbenschwanz, neben vielen anderen Falterarten, als gefährdet eingestuft ist, wachsen in den Staudenbeeten seit ein paar Jahren vermehrt zwischendrin auch Pflanzen wie Fenchel und Dillkraut. Die brauchen die Raupen als Nahrung. Wer für diesen Zweck einen besonders schönen Fenchel sucht, dem sei der Bronzefenchel empfohlen. Der schmeckt Raupe und Mensch genau so gut wie der normale Fenchel, ist aber purpur- bis bronzefarben. Aus dem selben Grund gibt es die berühmte Brennnesselecke unter dem Kirschbaum - Raupenfutter für Tagpfauenauge & Co, und den Faulbaum - Kinderstube des Zitronenfalters.

 

Damit auch die nächtlichen Gartenbesucher nicht zu kurz kommen, dürfen sich die duftigen Nachtkerzen, Tabake und Staudenphloxe vermehren. Windenschwärmer, Taubenschwänzchen, Wiener Nachtpfauenauge, Totenkopfschwärmer, gelegentlich Ligusterschwärmer und andere Nachtgestalten durchschwirren die blütenparfumgeschwängerte Dunkelheit. Die locken wiederum die Fledermäuse an. Großes und kleines Mausohr, Hufeisennase - wir sind dank Höhlen und Stollen und kleinteiliger Landwirtschaft hier im südlichen Niederösterreich immerhin eine der Gegenden, in denen diese fantastischen Tiere in noch halbwegs erfreulichen Populationsdichten vorkommen. Sollen sie die fettesten Schwärmer erbeuten, soll mir nur recht sein.

 

Wer sich von allzu säuberlichen Gartenstrukturen verabschiedet und die Angelegenheit ein wenig wilder wuchern lässt, wird reich belohnt. Überall tummelt sich Leben, überall zeigt sich, in welch feinen, verschlungenen und faszinierenden Zusammenhänge alles mit allem steht. Pestizide, Herbizide, Kunstdünger - sie schlagen ein in diese komplizierten Vernetzungen wie Bomben, auch wenn das nur der sehr aufmerksame Beobachter bemerkt. Wer jedoch ein paar Jahre sein Gärtchen mittels Kompostwirtschaft, Pflanzenjauchen und anderen harmlosen aber wirksamen Maßnahmen bewirtschaftet hat, wird feststellen, wie sich auch auf kleinem Raum ein Gleichgewicht der Kräfte einstellt. So ein Garten bringt jedem unweigerlich langsam und geduldig bei, dass wir wissen sollten, dass wir nicht wissen.

Erschienen in der Presse

Studie

29 Forscher verschiedener Fachrichtungen und aus der ganzen Welt haben über vier Jahre rund 800 Einzelstudien ausgewertet und eben die Erkenntnis präsentiert: Pestizide sind weit schädlicher, als man bisher angenommen hatte. Nicht nur Bienen und andere Bestäuberinsekten, sondern auch Vögel, Erdwürmer, Gewässer seien bedroht, die Notbremse sei jetzt zu ziehen. Nachzulesen hier: http://www.tfsp.info