Der Vogel mit dem Rüssel

17.08.2013,
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Es mehren sich Berichte verwirrter Gartenlustwandler. Sie meinen, jetzt auch hierzulande Kolibris gesichtet zu haben. Vor allem in den Dämmerstunden sollen die im Schwirrflug vor Blüten in der Luft stehend gesichtet worden sein. Selbst auf blühenden Wiener Balkonen und Dachterrassen wurden sie beobachtet. Zwar war der Sommer so heiß, dass man tatsächlich an Einwanderer aus tropischen Gefilden glauben möchte, doch diese „Kolibris“  haben keine Schnäbel, sondern Rüssel. Der schwirrende Blumenbesucher ist tatsächlich natürlich kein Miniaturvogel, sondern einer der interessantesten Schmetterlinge, den die Evolution hervorgebracht hat: Das Taubenschwänzchen, das nicht umsonst auch Kolibrischwärmer heißt.

 

Dieser Vogel unter den Schwärmern ist in vielerlei Hinsicht eine Besonderheit. Er ist zum Beispiel der einzige Schmetterling und eines der ganz wenigen Insekten, die rückwärts fliegen können. Der Flugkünstler navigiert unter anderem mit seinem charakteristischen pelzigen Hinterteil – dem namengebenden Taubenschwänzchen - das er wie ein Steuerruder einsetzt. Wer den flinken Flieger beobachten will, braucht schnelle Augen. Das Taubenschwänzchen fliegt im Zick-Zack-Kurs blitzschnell eine Blüte nach der anderen an, taucht seinen langen Saugrüssel in die Nektarkelche und saust gleich wieder weiter.

 

Der Schmetterling erreicht dabei Fluggeschwindigkeiten von bis zu 80 Kilometern pro Stunde. Weil er gar so schnell ist, gelingt es dem Langstreckenflieger auch, bis zu sagenhafte 3000 Kilometer zurückzulegen. Denn hierzulande ist er nur im Sommer zu Gast. Er braucht, um überwintern zu können, wärmere Temperaturen, also zieht er sich im Herbst wieder bis nach Afrika, meist aber in den Mittelmeerraum zurück. Das machen übrigens andere Schmetterlingsarten auch, wie beispielsweise der Schwalbenschwanz.

 

Obwohl das Taubenschwänzchen zu den Nachtschwärmern zählt, fliegt es im Gegensatz zu Kollegen wie Winden- und Wolfsmilchschwärmer oder dem riesigen Wiener Nachtpfauenauge oft auch untertags. Der kleine pelzige Kerl verpasst einfach keine Chance, an Blüten aller Art zu naschen. Denn mit den Blüten verhält es sich so: Die spenden nicht immer gleich viel Nektar, sondern haben von Temperatur und Tageszeit abhängige Produktionszeiten. In der Früh werden beispielsweise gerne die Spinnenblumen umschwirrt, am späten Nachmittag Buddleia, Bleiwurz, Phlox und Geranien, und ab Dämmerung eröffnen Pflanzen wie Nachtkerze und Tabak ihr Nektarbuffet. Der untertags geruchlose Tabak beginnt dann so stark zu duften, dass er selbst vergleichsweise primitivere Geschöpfe wie den Menschen mit seinem Duft anlockt.

 

Die Bienen machen das übrigens genau so mit den Nektarquellen. Die wissen stets, wann welche Pflanze die meisten Köstlichkeiten spendet. In Robinien etwa summt es gewöhnlich nur frühmorgens und kurz vor Sonnenuntergang. Die Natur ist viel raffinierter, als wir wissen, als wir uns der Mühe des genauen Hinschauens unterziehen. Wie viel verpasst man, wenn man abends nicht durch den Garten streift. Nie duftet er stärker, nie kann man geheimnisvolleres Getier beobachten.

 

Viele Sommernächte unserer Kindheit verbrachten der untere Nachbar und ich damit, mit Taschenlampen bäuchlings durch den Garten zu kriechen, natürlich immer dort, wo die besten Schmetterlingspflanzen wuchsen. Damals fing er die Nachtschwärmer mit Netzen, tötete sie mit Wundbenzin und spießte sie mit Stecknadeln zu einer nicht unbeträchtlichen Sammlung auf. Ich machte mich immerhin der Assistenz schuldig. Niemals würden wir das heute tun. Zu selten sind sie geworden, die schönen Kreaturen der Nacht, zu schmerzlich ist der Verlust auch nur eines einzigen von ihnen. Verfliegen sie sich im Haus, werden sie sorgfältig mit Glas und Papierblatt eingefangen und möglichst unbeschadet wieder in die Freiheit zurückgebracht.

 

In den letzten Nächten trafen der Nachbar und ich nächtens wieder im dämmrigen Garten aufeinander, jeder von uns wie früher auf der Pirsch und auf dem Weg zu den besten nächtlichen Nektarblüten. Diesmal hatten wir aber keine Schmetterlingsnetze, sondern jeder eine Kamera in der Hand. Pirschst du auch? fragte er. Ja, sagte ich, und wir schlichen gemeinsam durch die duftende Nacht wie früher, als wir Kinder waren.

Erschienen in der Presse