Die Kalligrafin der Architektur

01.04.2016,
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Bevor sie kam, kamen ihre Bilder. In den 1980er-Jahren tauchten die plötzlich in den internationalen Architekturmagazinen auf: Feine weiße Linien auf schwarzem Grund. Dazwischen Flächen, Farben, Muster, Geometrien. Jeder Strich stand mit jedem weiteren in irgendeinem vorerst unbegreiflichen Zusammenhang, doch vor den Augen der Betrachter begannen diese Linien zu leuchten, zu pulsieren und zu tanzen - so als ob die Architektur hier in einer neuen, bis dato unbekannten Energieart Gestalt annehmen würde.


Zaha Hadid war damals eine junge Architektin. Ihre Arbeit existierte lediglich in diesen fantastischen Skizzen, und sie sollte noch Jahre darauf warten, bis mit dem Feuerwehrhaus für Vitra in Weil am Rhein tatsächlich 1993 ihr erstes Gebäude entstand.

Doch mit diesen unendlich fein gesponnenen und präzise durchdachten Studien dynamischer Formen, Räume, Stadtmuster legte sie das Fundament für jene Gebäudelandschaften, für die sie später Berühmtheit erlangen sollte: Zaha Hadid war eine der interessantesten Architekturschaffenden weltweit, und die erste Frau, die zu einem Mitglied der kleinen, den Globus umspannenden Familie der Spitzenarchitekten wurde. 2004 bekam sie mit dem Pritzker Preis den „Nobelpreis der Architektur“ zugesprochen, erst vergangenen Februar erhielt sie als erste Frau die Goldmedaille des Royal Institute of British Architects.


Im exklusiven Circle hofierter Spitzenarchitekten war „La Zaha“ die absolute Primadonna. Ihr Name wurde zu einer Trademark, zu einem international bekannten Überbegriff für eine mitunter exaltierte, doch stets treffsichere Architektur. Ob sie, weil sie doch eine Frau sei, anders baue als Männer, wurde sie gefragt. Keine Ahnung, schnauzte sie knapp zurück, sie habe noch nie das Vergnügen gehabt, als Mann ein Gebäude zu entwerfen.


Sie entwickelte eine expressive Formensprache, die es zuvor nicht gegeben hatte. In Innsbruck setzte sie mit der Bergiselschanze für Skispringer 2003 neue Standards in der alpinen Architektur. Später entstanden ebendort Bergstationshäuser der Hungerburgbahn, die sich wie gläserne Skulpturen in die Felsformationen einfügen. Sie baute in Italien, in der Schweiz, Frankreich, England, Taiwan, Hong Kong, Aserbaidschan - und zuletzt viel im Arabischen Raum, wo ihre Wurzeln lagen.


Tatsächlich war Hadid eine Kosmopolitin. Muslima. 1950 in Bagdad als Tochter einer politisch wie wirtschaftlich einflussreichen Familie geboren, von christlichen Nonnen unterrichtet, in London an der Architectural Association School zur Architektin ausgebildet. Sie war Büropartnerin von Rem Koolhaas, bevor sie 1980 ihr eigenes Büro gründete. Sie unterrichtete an der Harvard University, der University of Chicago School of Architecture und an der Universität für angewandte Kunst in Wien. Dass sie vor ihrer Architekturausbildung in Beirut Mathematik studiert hatte, weil ihr diese Disziplin immer leicht gefallen war, erwähnte sie nicht einmal mehr.


Zaha Hadids Auftritte waren Legende, und es ist schwierig, den Magnetismus ihrer Aura zu beschreiben. Irgendwie wirkte diese große, mächtige und mandelbraune Frau wie ein Dschinn: Wenn sie eine Tür öffnete, füllte sie augenblicklich den gesamten Raum, und ihre gebieterische, ungeduldige Art konnte auch weniger zart besaitete Gemüter durchaus einschüchtern.


Sie wisse, sagte sie selbst über sich in sehr tiefer, voluminöser Stimme, dass sie nicht gerade taktvoll sei, ja dass sie Mitmenschen immer wieder verängstige. Doch Nettigkeit und Freundlichkeit seien eben nicht ihr Ding, und damit könne sie auch in der Architektur letztlich nichts anfangen. Sie ziehe die Qualitäten des Rohen, Vitalen, Erdigen glatter Lieblichkeit vor.


Dennoch waren viele Ihrer Gebäude, obwohl großformatig, extrem fein konzipiert, was sich insbesondere am 2005 eröffneten „Phaeno Science Center“ in Wolfsburg ablesen lässt. Das Gebäude wirkt, als habe seine Form in einem kompakten Betonblock geschlummert und sei mit Hochdruckstrahl langsam und beständig herausgewaschen worden. Der Rechte Winkel ist weggespült, die Räume fließen ineinander, die Böden rinnen zu Wänden auf, durch Öffnungen und Einschnitte in den Hüllwänden fällt das Licht wie ein eigenständiger Bestandteil der Skulptur ins Gebäudeinnere.


Architekturen wie diese sind nicht nur konzeptuelle, sondern auch technische Meisterleistungen, und Hadid pflegte immer wieder zu betonen, dass ihre Architektur nur dank modernster Baustoffe und Technologien möglich sei. Doch während jedes einzelne der rund 40.000 in sich verwundenen und gekrümmten Bauteile, aus denen das Phaeno zusammengesetzt ist, mit eigenen Programmen und leistungsstarken Computern berechnet wurde, mied die Architektin selbst den Rechner und verließ sich lieber auf die bewährte Kunst des Skizzierens


Sie sei eine Kalligraphin der Architektur, behauptete man von ihr, und sie habe die Schönheit der arabischen Schriftzeichen in ihre Gebäude übersetzt. Zaha Hadid starb gestern erst 65jährig in Miami an den Folgen eines Herzinfarkts.

Erschienen in der Presse