Die Kröte im Winterpalais

09.11.2013,
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Da stolperte ich doch neulich in der Dämmerstunde des frühen Abends im Garten über einen Kröterich. Er war noch klein, vielleicht ein halbes Jahr alt. Ich hob ihn auf und sprach zu ihm: Du kleiner Erdkröterich, du! Was machst du Anfang November draußen im Freien? Hast du noch kein Winterpalais gefunden? Kröten aller Art brauchen jetzt ein solches. Sie beziehen Herberge für die bevorstehende Zeit der Fröste, und du bist schon reichlich spät dran, kleines Amphibium!

Der Kröterich antwortete, indem er mit seinen Krötenbeinchen ruderte und versuchte, sich in meiner Handfläche einzubuddeln, was ihm selbstredend nicht gelang. Er gab seine Bemühungen denn auch bald auf und hielt, behaglich wie mir schien, still. Denn fürsorglich in Händen gehalten wird es kleinen Kröten bald herrlich warm. Großen übrigens auch, aber die sind gewöhnlich stärker und störrischer.

 

Die Augen, wunderbar golden


Von allen Kröten sind mir ja die kleinen vierbeinigen lieber, denn ihnen begegnet man seltener als den zweibeinigen. Die Augen dieses Exemplars hier waren nach Krötenart wunderbar golden mit leuchtenden Sprenkeln darin. So funkelnd, wie manch alte und an Zierrat reiche Architektur, wenn man sie gerade frisch aufpoliert hat. Ich stellte mir eine solche vor. Güldene Bordüren, reiche Stuckaturen, alte Gemälde, seidene Tapeten. Darin eine Dame der heutigen Wiener Gesellschaft, oder vielleicht sogar zwei.

Ich stellte mir vor, ich würde ihnen in diesem herrlichen Ambiente unserer Vorväter völlig unpassenderweise die Kröte mit den goldenen Augen reichen und sagen: Nehmt sie, sie sucht ein Winterpalais. Solche gehen ja dieser Tage von Hand zu Hand, und ihr sollt welche übrig haben, auch wenn sie der Burghauptmannschaft und somit der Republik und damit uns allen gehören! Wahrscheinlich würden die Gesellschaftsdamen sich ekeln und an die Seidentapeten drücken und sagen: Niemals! Kröten sind giftig, das weiß jedes Kind, und so steht es im Internet nachzulesen.

Ja, ja, dort steht jedoch auch so viel Unsinn, dass man stets wachsam sein soll, was von all dem Geschriebenen man glauben mag. Die allerorten als giftig beschriebene Erdkröte beispielsweise sondert zwar ein milchiges Sekret aus Drüsen ab, das die Schleimhäute ihrer Fressfeinde reizt. Doch sie tut das nur, wenn sie sich angegriffen fühlt, und auf der Menschenhaut richtet die Substanz rein gar keinen Schaden an.

Nur die Augen sollte man sich anschließend nicht mit von Krötensekret benetzten Fingern reiben.

In Sachen Winterpalais wiederum steht im Netz nachzulesen – und zwar ausgerechnet auf den Seiten des Belvedere –. dass ein gewisser Prinz Eugen seinerzeit als „mittelloser Flüchtling“ am Hoftor der Habsburger angeklopft habe. Das suggeriert einen in Fetzen wandelnden Habenichts und ist eine interessante Deutung von einem, der in den Hochadel Europas hineingeboren und verwandt war mit den Fürstenhäusern Spaniens, Frankreichs, Österreichs und Deutschlands.

„Wos woa mei Leistung?“


Solcherlei Seilschaft war damals wie heute von Vorteil, wiewohl der Prinz kein Winterpalais hätte erbauen können, wäre er ein Depp und ohne Mut und Fleiß gewesen. Nie wäre er wohl auf die Idee gekommen, andere je zu fragen: „Wos woa mei Leistung?“ Doch was schert all das schon die kleine Kröte auf dem Land? Ihr Winterpalais ist und bleibt das Erdloch. Das gräbt sie sich selbst, denn da ist zu Recht niemals einer, der fragte: „Kröte, wüüst des Winterpalää?“

„Köstliches Juwel im Haupte“


Die Dinge nehmen ihren Lauf. Die Blätter fallen. Die Kröten verkriechen sich und warten, bis es wieder Frühling wird. Jeder tut, wie es ihm gefällt. Da fällt mir der Will Shakespeare ein, denn heute hab ich es mit den Assoziationen:

„Nun, meine Brüder und des Banns Genossen, macht nicht Gewohnheit süßer dieses Leben als das gemalten Pomps? Sind diese Wälder nicht sorgenfreier als der falsche Hof? Wir fühlen hier die Buße Adams nur, der Jahreszeit Wechsel; so den eisgen Zahn und böses Schelten von des Winters Sturm; doch, wenn er beißt und auf den Leib mir bläst, bis ich vor Kälte schaudre, sag ich lächelnd: Dies ist nicht Schmeichelei; Ratgeber sind's, die fühlbar mir bezeugen, wer ich bin. Süß ist die Frucht der Widerwärtigkeit, die gleich der Kröte, hässlich und voll Gift, ein köstliches Juwel im Haupte trägt. Dies unser Leben, vom Getümmel frei, gibt Bäumen Zungen, findet Schrift im Bach, in Steinen Lehre, Gutes überall.“

Nun, zumindest Letzteres fällt mitunter doch recht schwer.
Erschienen in der Presse

Ein Jammer!

Unter all den in Europa beheimateten Lurchen gibt es nur drei Krötenarten: Die hierzulande häufigste von ihnen ist die Erdkröte, des Weiteren kann man mit Glück auch die Wechsel- und die Kreuzkröte antreffen. In allen Fällen sind die Weibchen größer als die Kröteriche. Alle drei Krötenarten stehen auf der Roten Liste und gelten als gefährdet. Ihre größten Feinde sind wir, die Menschen. Passen Sie bitte im Frühjahr auf, wenn Krötenwanderwege die Straßen kreuzen.