Döppling, Rio und Retour

12.11.2013,
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Flamengo kickt gegen Fluminense im Jahr 1916


Mein erstes Fußballstadion war die Döpplingerstraße in Ternitz.
Es war der 21. Juni 1978, Österreich spielte in Córdoba, Argentinien, gegen Deutschland. Es stand 1 : 1, und der vor dem Fernseher versammelten Familie ging in der Frühsommerhitze der WM der Wein für die Spritzer aus. Ich wurde zum Hoffmann-Wirten am Ende der Gasse um Nachschub geschickt. Die Straße war komplett leer. Kein Mensch. Kein Auto. Nichts. Nur der Edi Finger sen. war gelegentlich zu hören, weil alle Radios aufgedreht waren und wegen der Hitze alle Fenster offen standen.

Ich radelte mit dem scheppernden Doppler im Sackerl am Lenker durch eine vom Fußball lahmgelegte, seltsam stille Welt – aber auf halber Strecke heim brüllte es plötzlich aus allen Häusern, weil der Krankl, unser Hanseeeburleee, gerade das 2 : 1 geschossen hatte. Südamerika und Fußball, das war mir ab diesem Tag, der bekanntlich noch zwei Tore brachte, klar, gehörten irgendwie glorreich zusammen, und glücklicherweise verschlug es uns wenig später nach Brasilien und damit in jenes Land, das insgesamt als einziges großes Fußballstadion betrachtet werden kann.


Rio de Janeiro: Jeder Platz, jeder Strand, jede Grasfläche zwischen den Straßen war Arena de Futebol.

 

Keine Tages- und Nachtzeit , zu der nicht gekickt wurde. Die Straßenbeleuchtung zwischen den Stadtautobahnen wurde zum Flutlicht für alle, die nach der Dämmerung Lust auf ein Spielchen hatten. Irgendwer brachte immer einen Ball mit. Irgendwie fanden sich immer Mannschaften jeder Altersklasse zusammen. Vor den Schulen, vor den Bars, vor den Bürohäusern. Nach Dienstschluss warfen Angestellte und Manager ihre Sakkos und Krawatten in den Sand der Copacabana und packten den Ball aus. Die besten Kicker waren die drahtigen Jungs aus den Morros, den Favelas. Die waren nur Sehnen, Muskeln, Geschwindigkeit, Geschick, Gelächter und Flirt. Wer im knöcheltiefen brennheißen Sand von Ipanema und Arpoador, von Urca, São Conrado und Niterói barfuß dribbeln und gaberln gelernt hat, ist später auf dem Rasen fast unschlagbar.


Schön war das alles anzuschauen. Dann kam wieder ein Tag, ab dem die Straßen, diesmal die von Rio, wie leergefegt waren. Ein heißer brasilianischer Sommertag, an dem eigentlich alle hätten am Strand sein sollen. Wir fragten einen Portier, der auf einem Schemel vor einem Hauseingang saß, was los sei. Psst! Sagte der, mit einer Hand um Ruhe wachelnd, mit der anderen ein winziges Radio an das Ohr gepresst: Zico hat gerade einen Lauf – Fio Maravilha! Moment, Momentinho!

Flamengo spielte gegen Fluminense – ein sogenannter Fla-Flu fand statt, das wichtigste Clubduell von Rio – und die halbe Stadt saß entweder vor dem Fernseher oder im Stadion. Nur wir zugereisten Idioten hatten das nicht mitgekriegt, aber wir lebten uns schnell ein. Bald trugen wir Rot-Schwarz, die Farben von Flamengo, dem ersten brasilianischen Club der erwirkt hatte, dass auch Schwarze auf dem Rasen zugelassen wurden. Mit Mehl hatten sie die Dunkelhäutigen der Legende nach vor dem Match bestäubt, doch der Schweiß wusch den weißen Staub von den Gesichtern, als sie 1912 einen bis heute legendären 15 : 2 Sieg gegen die reinweißen Verlierer von Mangueira heimtrugen.

 

Und dann, endlich, betraten wir erstmals die Kathedrale des Fußballs, das Stadion der Stadien, das Maracanã. Eine Art Forum Brasilianum des geheiligten Leders. Für die Weltmeisterschaft im Jahr 1950 gebaut, war es lange Zeit die gewaltigste Fußballarena der Welt. Bis heute ist es das Stadion, in dem sich die größte je gezählte Menschenmenge zum Zwecke des Matchanschauens versammelt hat. Die offiziellen Angaben zu den Besucherzahlen schwanken, aber um die 200.000 dürften es gewesen sein, als Uruguay Brasilien 1950 mit einem 1 : 2 aus dem Bewerb schoss und damit da Land in eine Nationaltrauer trieb.

 

Mittlerweile wurde das Maracanã umgebaut und fasst „nur“ noch um die 103.000 Zuschauer, weil es jetzt keine Stehplätze mehr gibt. Das sind, nur zum Vergleich, immer noch mehr als doppelt so viele, wie im Ernst Happel Stadion in Wien Platz haben. Damals, in den späten 1970ern und frühen 1980ern, war das Maracanã aber noch roh und unbehandelt. Ein riesiger ovaler Betonkessel mit breiten, flach geneigten Betonrampen, die am Abend, wenn unten gekickt wurde, noch sonnenheiß die Hintern wärmten. Aber lang saß man sowieso nicht. Sobald die Batterias ihre Sambatrommeln in Position gebracht hatten, brauchte man seinen Hintern, um ihn zu schwingen. Die Döpplingerstraße rückte irgendwie in eine weitere Ferne, und ich begann mein Taschengeld damit aufzufetten, fußballbegeisterte europäische Manager und Ingenieure auf Rio-Dienstreise ins Maracana zu führen, was noch dazu den erheblichen Vorteil einer Gratis-Eintrittskarte für mich mit sich brachte.

So leer ist die Copa normalerweise nur, wenn ein Fla-Flu steigt

Der brasilianische Clubfußball war damals noch was wert, weil der große Ausverkauf der Besten an die reichen europäischen Clubs gerade erst anlief. Mit entsprechendem Wohlwollen und der dazugehörenden Lautstärke begrüßte die Galería, die Tribüne, Weltklassekicker wie Zico, Sócrates, Júnior, Romário, und das Maracanã wurde zu einem Hexenbottich aus Rauch, Feuer, Geschrei, Trommeln und Gesang.


Als Flamengo 1980 in einer heiß-feuchten duftenden Tropennacht in einem mehr als ausverkauften Maracanã Atlético Mineiro 3 : 2 betonierte und den brasilianischen Meisterschaftstitel endlich wieder nach Rio de Janeiro holte, wurde das Stadion zum Kristallisationspunkt für einen kollektiven Freudentaumel, der sich über die gesamte Stadt verbreitete und alle Straßen und Plätze zu einer einzigen großen Partyzone verwandelte. Es sollen damals dem Vernehmen nach an die 190.000 Zuschauer auf dem Match gewesen sein. Ich kann nur sagen, wir waren viele, und diese Nacht bleibt eines jener raren Geschenke, die man in der sammetausgeschlagenen Schatulle der Erinnerung ein Leben lang mit sich tragen darf.

 

Hin und wieder holt man sie hervor, hin und wieder holen sie einen aber auch ein. Ein Vierteljahrhundert nach diesem Match, ich war längst wieder in der Döpplingerstraße gelandet, zappte ich mutterseelenallein durch die satellitengesteuerte Gegenwelt der TV-Kanäle und fand mich plötzlich mitten in der gewaltigen Menschenmasse des Maracanã wieder. Eine Doku über Flamengo, eine Rückblende auf genau dieses Meisterschaftsfinale 1980, ein bittersüßer Taumel aus Freude und Heimweh, und die Gewissheit, dass der Fußball so etwas wie eine internationale innere Heimat ist.


Mittlerweile sind die TV-Anstalten zum größten Fußballstadion der Welt geworden, und es gibt kaum einen Ort auf diesem Planeten, an dem man nicht quasi digital auf der Tribüne Platz nehmen und Matchschauen kann. In Hotel, auf Flughäfen, in Bars. Im Stade de France von Paris, im Old Trafford von Manchester, im Camp Nou von Barcelona, im Aztekenstadion von Mexico City. Jeder gute Club hat unweigerlich ein paar Brasilianer im Kader, und es gibt wenig Ästhetischeres, als 22 austrainierten und ausnahmetalentierten Männern dabei zuzuschauen, wie sie wirklich gut Fußball spielen.

Trotzdem: Keine Superzeitlupe, keine Wiederholung, kein hautnahes Interview, kein Kameraschwenk über die Zuschauerscharen kann vor der Glotze die echte Stadionstimmung ersetzen. Mir jedenfalls nicht. Vielleicht bin ich aber auch nur verdorben. Ich will beim Fußballschauen schreien, singen, die Fahne und den Hintern schwingen.

 

Ein Sieg ist nur ein Preis, die Freude aber der Gewinn, das Stadion bleibt der Kelch, aus dem sie getrunken wird.

Erschienen in "Seitenwechsel. Geschichten vom Fußball" Herausgegeben von Samo Kobenter und Peter Plener. Bohmann Verlagsgruppe