Einfach klein.

12.01.2016,
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Lange Zeit bin ich nicht nur früh aufgestanden, ich war auch beständig von großen Zimmerpflanzen umgeben. Möglicherweise ein Symptom der Maßlosigkeit der Jugend. Jedenfalls sollte es rund um mich wuchern. Schnell und groß. Das Blattgrün riesiger Bananenstauden verstellte die Fenster. Um Vorhangstangen wanden sich Schlingpflanzen. Dieffenbachialaub und Palmwedel beschatteten Teile meines Heims. Zimmerefeu kroch langarmig über die Wände und vertrug sich gut mit dem wucherfrohen Cissus, auch bekannt unter dem Namen Zimmerwein.


Dann verschlug es mich zufälligerweise in die gläsernen Hallen eines niederösterreichischen Kakteensammlers. Kakteen hatten bis dahin zu den von mir missachteten Pflanzen gezählt. Zu klein. Zu langsam. Keine Blätter. Abgesehen von der kurzen Sensation ihrer Blüte zu unscheinbar. Alles Unsinn, denn, wie Marcel Proust, der Literat unter den Frühaufstehern, seinerzeit bereits anmerkte, macht man „die besten Entdeckungsreisen nicht in fremden Ländern, sondern indem man die Welt mit neuen Augen betrachtet“, und diese mit Kakteen vollgestellten Hallen waren ein magischer Ort, der das Kleine zum ganz Großen erklärte.


In Saatschalen befanden sich stecknadelkopfgroße Kakteenjunge, die darauf warteten, groß genug zu wachsen, um mit zwei Fingern ergriffen und in eigene Töpfchen gebettet zu werden. Daneben standen die Greise: Meterhohe Kaktussäulen mit und ohne charakteristische Kakteenbärte. Es zeigten sich da und dort Blüten in allen Farben und Formen. Gewaltige Trichter, kleine Röschen, winzige Sterne. Der Kakteensammler und –züchter hatte in seinen weitläufigen Glashäusern zudem auch eine Reihe anderer Sukkulenten versammelt, deren reizende Geometrien sich ebenfalls erst bei näherer Betrachtung erschlossen. Die Welt im Kleinen, mit neuen Augen betrachtet, offenbarte eine neue Zimmerpflanzenlandschaft voller Wunder der Natur.


Seit diesem Lustwandeln durch die fast unwirkliche Masse kleiner Schönheiten bin ich dem Kleinen verfallen. Möglicherweise ein Symptom gemesseneren Alters, vielleicht aber auch eine über die Bande gerollte Gefühlslage, die dem Übermaß unseres Zeitalters zu entfliehen sucht. Von allem ist zu viel da. Vieles ist zu groß. Es herrscht Chaos allerorten. Kaum jemand, der sich nicht nach ein wenig Ordnung und Ruhe sehnt, nach Genügsamkeit und Selbstzufriedenheit in einer marktgepeitschten Welt.


Wie trostvoll, sich zwischendurch einmal nicht im Dschungel tagesaktueller Hiobsbotschaften zu verlieren, sondern in den rundlichen Geometrien etwa einer Crassula rupestris und marnieriana, in den spiraligen Dimensionen einer Crassula Estagnol, in den wahrhaft sensationellen Wirbeln einer Aloe polyphylla, im zarten, so leicht zu zerkratzenden Graublau diverser Echeverien oder in den spitzen Welten der Haworthien.


Letztere haben es mir neuerdings besonders angetan. Die bizarren Pflanzen aus Namibia und Südafrika wachsen in ihrer Heimat bevorzugt in kargem Schotter und unter dem Schatten größerer Pflanzen. Dieses Talent an Bescheidenheit muss ihnen erst einmal wer nachmachen. Manche Vertreterinnen der Familie sind weiß getüpfelt auf dunkelgrünem Grund, andere gestreift, gerippt oder gelb panaschiert. Eine Augenweide allesamt, und in der Pflege das Genügsamste, das sich denken lässt. Die Haworthien gedeihen auch im Halbschatten und brauchen nicht, wie die meisten Sukkulenten, volle Sonne, und – ein weiterer Vorzug für winteraktive Zimmerpflanzenliebhaberinnen und Liebhaber - sie bevorzugen trockene Luft. Das macht sie zu idealen Fensterbankpflanzen, weil ihnen die trockene Wärme über Heizkörpern geradezu behagt.


Wer den kleinen Grazien huldigen will, kann beispielsweise folgendermaßen vorgehen: Man setzt sich vor sie hin, betrachtet sie für ein Weilchen eingehend und überlegt, welche schöne Schale, welches elegant umfunktionierte Pflanzgefäß, welche Form, welches Material, welche Farbe ihr besonders gut zu Gesicht oder besser zu Blatt stünde. Man sieht sich in Gedanken schon auf Flohmärkten jagen, wo oftmals die schönsten Pflanzgefäße aufgetrieben werden können. Man kramt in Küchenkredenzen nach alten Porzellandosen und wohlgeformten Gläsern. Und wenn man das Passende gefunden hat, freut man sich.


Kurzum, man widmet sich ausnahmsweise wieder einmal der Welt im Kleinen, und wenn das manche als biedermeierliche Flucht ins Idyll geißeln, so soll mir das komplett recht sein. Eine gewisse Versenkung zwischendurch in für den Weltenlauf Unwesentliches, doch in das für einen selbst stillvergnügt Erfreuliche hat noch keinem geschadet. „Wir empfangen die Weisheit nicht“, sagte der verehrte französische Frühaufsteher, “Wir müssen sie für uns selbst entdecken im Verlauf einer Reise, die niemand für uns unternehmen oder uns ersparen kann.“

Erschienen in der Presse