Farborgien

10.08.2012, gepostet von Ute Woltron,
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"Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern", sagte Konrad Adenauer.
Auch anbetracht des heurigen Blumengartens gebe ich ihm völlig recht. Der ist, sage ich jetzt unverfroren unbescheiden, so schön wie überhaupt noch nie. Alle Farben des Spektrums wabern wild durcheinander. Rosa neben Rot, Lila neben Gelb, Weiß, Creme, Apricot - alles scheint zusammenzupassen, was andernorts ein Augapfelklescher wäre. Es ist eine meterhohe spektakuläre Orgie.


Der Grund dafür: Im Frühjahr bekam ich von gleich mehreren assoziierten Staudenfeen nicht unbeträchtliche Massen von Dahlienknollen überantwortet. Die waren denen übrig geblieben. Da sie eben Staudenfeen sind, handelte es sich noch dazu um besondere, selten zu kriegende und über verschlungene Sammlerwege aufgetriebene Sorten. Dahlienknollen vermehren sich unter guten Bedingungen stark, irgendwann geht dann der Platz dafür aus. Da diese Staudenmeisterinnen zum Glück aus Gründen der Barmherzigkeit nicht dazu in der Lage waren, auch nur irgendetwas, das noch lebt, einfach wegzuwerfen, warfen sie es dankenswerterweise in meine Richtung. Und wo es hinfiel, grub ich es ein.


Stichwort Platz: Von ihm gibt es ewig zu wenig. Also versenkte ich die Dahlienknollen zwischen den Erdäpfeln, neben den Rosen, in den Erdbeerbeeten, neben den Krauthappeln, in den Blumenrabatten, überall, wo ein paar Quadratdezimeter Boden frei waren. Das Resultat ist ein bunter Herbstgarten, wie man davon träumen darf. Mein Anti-Dahlien-Geschwätz der vergangenen Jahre interessiert mich nicht mehr, tatsächlich werde ich, wenn es dann im Oktober an das Dahlienknollenausgraben geht, andere Gärtnerinnen und Gärtner sogleich durch gezielte Würfe zwangsbeglücken, sollten sich die Knollen gut vergrößert und vermehrt haben.

Erst wenn die ersten Fröste die Blätter vernichtet haben, dürfen sie ausgegraben werden. Denn gerade jetzt ist die Zeit des Knollwachstums. Übereilen Sie also nichts, sondern warten Sie mindestens noch drei Wochen, wenn geht sogar noch länger, mit der Einwinterung. Genau die stand in der Vergangenheit zwischen mir und den Dahlien. Denn ich bin sehr faul, und ein Aufwand ist das schon: Kraut abschneiden, Knollen ausbuddeln, abschütteln, abtrocknen lassen, kühl und finster überwintern, ab April wieder in die Gartenfreiheit entlassen. Steht aber trotzdem dafür, keine Frage.


Da ich zum Glück von den Meisterinnen für würdig befunden wurde, kostbare Ableger durchzubringen, kam am letzten Wochenende gleich der nächste Segen über mich. Denn der Herbst ist die Zeit, in der man Stauden teilt, versetzt, ergänzt, den Garten neu strukturiert. Nie funktioniert das besser als jetzt, wenn der Boden feucht, das Wurzelwachstum noch aktiv ist. Für die zahllosen Graublattfunkien, die Reiherschnäbel, die Mädesüße und Pfingstrosen, die ich überantwortet bekam, mussten viele Quadratmeter Rasen weichen, was ja das eigentliche Ziel jedes Staudengartenfreaks ist. Wenn es so weitergeht, nähere ich mich dem rasenfreien Garten mit Siebenmeilenstiefeln. Ich bin gebenedeit unter den Nachwuchsfeen.


Nochmals zu Adenauer. Der meinte nämlich auch noch: "Wenn die anderen glauben, man ist am Ende, so muss man erst richtig anfangen." Gilt wieder genauso für den Garten. Jetzt ist die Zeit der großen Umstrukturierungen. Gehen Sie hinaus, blicken Sie sich um, graben Sie ein, was Sie in die Finger kriegen, pflanzen Sie um, strukturieren Sie neu. Jeder Herbst ist ein Neubeginn.