Keller, Stollen, geheime Räume

05.02.2015,
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Ulrich Seidl. Im Keller
Buch

Ein Fotobuch zu Ulrich Seidls Film Im Keller, erschienen im Verlag Benteli.

Herausgegeben von Claus Philipp und Astrid Wolfig

Mit Texten von Herbert Lachmayer, Olaf Möller, Claus Philipp, Franz Schuh und Ute Woltron
Deutsche Ausgabe, 168 Seiten, 61 farbige Abbildungen, 20 x 30 cm, Hardcover

Infos zum Film stehen hier

Die im Original scharfen, hier absichtlich verwackelten Fotos sind, wie man unschwer wird erkennen können, direkt vom Buch abgeknipst.


Hat nicht die moderne Gesellschaft längst zu einer zivilisierten Wildnis geführt, der

 

gegenüber sich der Mensch wie ein Urmensch verhält?    Friedrich Dürrenmatt

Bevor der Homo domesticus – also der bauende Mensch – die Szenerie betrat, lebten unsere Vorfahren bekanntlich in Höhlen. Sie boten Schutz vor der Witterung, vor Feinden und wildem Getier, waren ein von Steinwänden umschlossener Hort der Sicherheit vor den Unbilden und Gefahren, die draußen im offenen Land lauerten.

 

Seither ist die Architektur- und Baugeschichte selbstredend einen weiten Weg gegangen, doch diese ursprüngliche Schutzfunktion, die schon der Höhle zu eigen war, ist geblieben. Im Menschen besteht die Sehnsucht nach der sicheren Umhüllung, in der er allein oder mit seiner Sippe unsichtbar und ungestört er selbst sein darf, noch immer fort.


Die Architektur – so sagen die Baukünstler – sei die dritte Haut des Menschen; sie umhüllt uns wie das Gewand. Von ihrer Beschaffenheit ist auch unser Wohlbefinden abhängig. Je nach Form und Intention ihrer Erbauer kann die Architektur offen, dem Äußeren zugekehrt oder bunkerartig verschlossen und vollkommen dem Inneren zugewandt sein. Vor dem Zeitalter der Stadt haben sich die Normalsterblichen dieser Welt die längste Zeit über ihre Behausungen selbst geschaffen, haben sich Hütten und Häuser mit eigenen Händen und nach eigenem Gutdünken gebaut. Nur zehn Prozent der Menschheit lebte um 1900 in Städten. Heute sind es bereits weit über 50 Prozent. Mit der Erfindung des Geschoßwohnbaus und mit der Mietwohnung ist der moderne Mensch nun wieder zum Nomaden geworden.

 

Er besiedelt sozusagen vorgefertigte Wohnhöhlen, die man wechseln kann fast wie die Kleidung – doch irgendwie ist das mitunter nicht genug, irgendwie scheint es viele von uns darüber hinaus doch noch nach einer Art Höhle zu gelüsten, in der wir ungestört eigenartig sein dürfen.

 

Was, wenn nicht der Keller, bietet hier Reservat und Zuflucht?

Die Baugeschichte der Menschheit brachte von Anbeginn die Sehnsucht nach dem sicheren, abgeschlossenen, oft auch geheim gehaltenen Raum zum Ausdruck. Zu den ältesten Beispielen solcher geheimer Räume gehören die zahllosen versteckten Kammern im Inneren und selbst unter den ägyptischen Pyramiden, die – in der Intention von Grabräubern und anderen Eindringlingen verschont zu bleiben – der wandelnden unsterblichen Ba-Seele der Verstorbenen als ewige Behausung dienen sollten.

 

Auch in den aztekischen Pyramiden und Tempeln Mittelamerikas finden sich verborgene Keller und Geheimräume, und die meisten Sakralbauten umschließen ein fast immer fensterloses Sanctum im Innersten. Vom lateinischen Begriff Cella – dem „kleinen Raum“, der im Kern der griechischen und römischen Tempel lag und die Götterstatuen beherbergte – leitet sich denn auch unser heutiger Begriff „Keller“ ab.

 

Die ursprüngliche Cella war auch ein abgeschlossener, verborgener Raum ohne Fenster, ein Geheimnis bergend. Schließlich war nur einer kleinen Gruppe Auserwählter der Zutritt zu ihr gestattet; die Öffentlichkeit blieb ausgesperrt. Für diese wurden Altäre vor den Tempeln errichtet, wo die offiziellen Kulthandlungen stattfanden – gewissermaßen als begreifbare Fassade vor dem unbegreifbaren, von Mauern umhüllten Allerheiligsten selbst.

Doch nicht nur Heiliges, sondern auch Verbotenes zog sich seit jeher in den Untergrund zurück: Die verfolgten Christen Roms trafen sich in Katakomben und Kellerräumen. Die katholischen Priester Englands wurden zu Zeiten Königin Elisabeths I. im Fall einer behördlichen Visitation rasch in sogenannte Priest Holes gesteckt, da ihnen ab 1558 bei Ausübung ihres Amtes teils lebenslänglich der Kerker drohte. Diese Verstecke finden sich heute noch in vielen Herrschaftshäusern der Insel – in Wänden verborgene Zellen, kleine Kellerräume, doppelte Täfelungen, unsichtbare Eingänge.


Auch die versteckten Räume des Holocaust, oft in Kellerräumen abgemauert, gehören selbstredend in diese traurige Kategorie. Auch daran, dass die halbe Bevölkerung Europas während der Bombardements des Zweiten Weltkriegs in Schutzkellern saß, darf erinnert werden. Auf der anderen Seite stehen die Bunker der Macht: Nicolae Ceau?escus Securitate hatte in Bukarest ein unterirdisches Tunnelsystem  gegraben und mit diesen Geheimgängen Waffenlager und Kommandozentralen miteinander verbunden. Hitlers persönliche Räume in der Kongresshalle des Nürnberger Reichsparteitagsgeländes waren überdimensionierte, fensterlose und steinverkleidete Keller. Saddam Hussein hingegen verbrachte weniger freiwillig Monate in einem engen irakischen Erdkeller, bevor er gefasst wurde.

Der vergleichsweise harmlose traditionelle Vorratskeller, wie er früher zu Bauernhäusern gehörte, diente als temperiertes, gleichmäßig luftfeuchtes Lager für Lebensmittel. Hier überdauerten Lageräpfel, Karotten und Sauerkraut die Winter, hier lagerten auch sommers in dunkler Kühle Essig, Most und Wein. Diese Keller – das sei nicht vergessen – mussten vor der Erfindung der entsprechenden Maschinen mühsam händisch gegraben werden. Sie waren entsprechend klein und kostbar. Ihr Boden blieb nackt und gestampft, denn der Kontakt zwischen Luft und offener Erde war wichtig für das spezielle Kellerklima.

 

Die Unterhöhlung von Häusern beschränkte sich nicht nur aufs Land. Ganz Wien ist beispielsweise von einer kaum bekannten unterirdischen Kellerlandschaft durchzogen, die oft mehrere Geschoße unter Straßenniveau reicht. Zuunterst befinden sich die Eiskeller, wo im Winter geschnittene Eisblöcke auf Stroh bis zum nächsten Frost für Kühlschranktemperaturen sorgten. Erst mit der Verbreitung des Kühlschranks ab den Dreißigerjahren blieben sie leer. Während die Eiskeller wohl endgültig der Vergangenheit angehören, erleben die Erdkeller als Vorratsraum gerade wieder eine Renaissance; zeitgenössische Häuslbauer planen solche unisolierten Kellerzellen für die Früchte ihrer Gärten ein.


Das berühmt-berüchtigte Kellerstüberl, in dem all das gemacht werden darf, was im säuberlichen Wohnraum oben zu unterlassen ist – nämlich rauchen, trinken, feiern, laut sein – ist hingegen tatsächlich eine recht junge Erfindung. Erst als das Ausheben und Abdichten von Kellern für private Einfamilienhaus-Bauherren etwa ab den Sechzigerjahren leistbar wurde, konnten unterirdische Räume überhaupt in dieser Weise nutzbar gemacht werden.

 

In Kleingartensiedlungen rund um Wien wird der unterirdische Ausbau nicht selten heimlich und in groteskem Ausmaß praktiziert, von dem kaum jemand etwas ahnt. Da die dort befindlichen Häuschen eine überaus begrenzte Grundfläche und Höhe nicht überschreiten dürfen, behilft sich so mancher mit der Unterhöhlung und dem unterirdischen Ausbau des gesamten zur Verfügung stehenden Areals, um so weitere Nutzräume hinzuzugewinnen. So wird das Häuschen im Grünen zum i-Tüpfelchen des wohlverborgenen und selbstverständlich subversiv-gesetzeswidrigen Höhlenbaus Einzelner.


Doch selbst das offizielle Österreich hat mit Kellern aller Art zu kämpfen, gibt es hier schließlich Stollen aus mehreren Jahrhunderten – etwa Kriegsgefangenen- oder Arbeitslager oder vergrabene Flugzeughallen aus der NS-Zeit: Von Menschen gemachte, teils riesige Höhlen in einer Gesamtlänge von mehreren hundert Kilometern ziehen sich quer durch die ganze „unterirdische Republik“. Wo genau sie sich befinden, verrät man nur ungern. Von vielen dieser Stollen wissen die meisten Menschen, die ein paar Meter darüber wandeln, daher gar nichts. Noch vor wenigen Jahrzehnten wurden sogar ganze Einfamilienhaussiedlungen über solchen Stollensystemen errichtet, ohne dass die Leute, die hier Grundstücke kauften und ihre Häuser bauten, darüber informiert wurden.

Ja, der Mensch bohrt immer wieder Abgründiges ins Erdreich. Sowohl Regierungen als auch Einzelne sehen Anlass dazu. William Cavendish-Scott-Bentinck etwa – der fünfte Duke of Portland – beschloss 1854 aus Gründen, die er mit in sein Grab nahm, fortan jeglichen menschlichen Kontakt zu meiden. Zu diesem Zweck ließ er unter und neben seinem gewaltigen historischen Landsitz im britischen Nottinghamshire ausgedehnte Zimmerfluchten samt Bibliothek und einem Ballsaal für zweitausend Leute, in dem freilich niemand jemals tanzte, ausgraben.

 

Ein Tunnelnetz von an die 25 Kilometer Länge verband seine absonderliche Kellerbehausung mit den Stallungen und selbst mit dem Bahnhof der nahegelegenen Ortschaft. Dieser war so geräumig, dass der verschrobene Brite mit der Kutsche von der Öffentlichkeit ungesehen bis zu seinem Privatwaggon reisen konnte. Mit seiner Dienerschaft verkehrte der Duke über zwei Briefkästen: einer für eingehende, einer für ausgehende Botschaften.

 

Im Chicago der 1880er-Jahre ließ Herman Webster Mudgett, besser bekannt als Dr. Henry Howard Holmes und einer der ersten überführten Massenmörder Amerikas, ein labyrinthisches Hotelgebäude errichten. Die Bauarbeiter wechselten ständig, denn keiner sollte auch nur annähernd Überblick über die Konstruktion des Gebäudes erlangen.

 

Holmes hatte darin nämlich zahllose geheime Keller, abgeschlossene und schalldichte Räume für die Ermordung der späteren Gäste und Angestellten vorgesehen. An die zweihundert Menschen, so die Schätzungen, brachte er dort um, strich ihre Lebensversicherung ein und verkaufte ihre sterblichen Überreste an die Medizinische Fakultät. 1896 wurde er überführt und gehängt. Das Gebäude, im Volksmund „Murder Castle“ genannt, brannte 1895 bis auf die Grundmauern ab.

 

Doch auch Fröhliches, wenn auch ebenfalls Verbotenes haben Kellerräume zu bieten,wie etwa im Jahr 2007 Bauarbeiter bei den Renovierungsarbeiten eines alten New Yorker Kaffeehauses zur eigenen Überraschung herausfanden. Sie entdeckten eine Geheimtür, die zu verborgenen Kellerräumlichkeiten führte. In den Zwanzigerjahren, als Alkohol verboten und „des Teufels“ war, hatte man dort der Prohibition getrotzt. Solche illegalen Kellerlokale, genannt „Speakeasy“ oder „Blind Pig“, gab es zahllose. Unter den Fundamenten scheinbar harmloser Geschäftshäuser taten sich ganze Casinos, Bars und Ballsäle auf.

 

Eines der unvergessenen Lokale der Prohibitionszeit war der 21 Club in New York. Der Weg hinein führte durch eine Geheimtür, die wie eine massive Betonwand aussah. In den USA stehen heute geheime und bestgesicherte Kellerräume übrigens als Panic Rooms wieder hoch im Kurs. Sie sollen die betuchte Klientel vor Einbrechern schützen, wie seinerzeit die Priest Holes die katholischen Pfarrer Englands vor der Obrigkeit: Sic transit gloria mundi.


Das mögen sich auch die Mönche des französischen Klosters Mont Saint-Odile gedacht haben, als ab August des Jahres 2000 bis Mai 2002 rund 1100 kostbare Bücher der Reihe nach aus ihrer eigentlich nicht öffentlich zugänglichen Bibliothek verschwanden. Was sie selbst nicht wussten, hatte der später via Überwachungskamera gefasste Dieb per Zufall herausgefunden: Es gab einen Geheimraum im Klostergemäuer, von dem aus über einen ausgeklügelten Mechanismus eines der Bücherregale beiseite geschoben und so die Bibliothek heimlich betreten werden konnte. Kenntnis davon hatte der ansonsten unbescholtene Bücherdieb über einen alten, vergessenen Plan des Klosters erhalten, den er zufälligerweise in einem Stadtarchiv gefunden hatte.

 

Jetzt darf man sich abschließend die Frage stellen: Macht der Keller das Geheimnis? Oder baut das Geheime die Keller? ­– Wer von uns Höhlenmenschen kann das schon mit Gewissheit sagen.