Kraut samt Rübe

26.07.2012, gepostet von Ute,
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Wer je ein Stück Land urbar zu machen versuchte, wer zum Beispiel auf einer Rasen- oder Wiesenfläche einen Gemüsegarten angelegt hat, der weiß, was das für eine ungeheuerliche Mühsal ist.
Krampenschwingend und spatentretend die oberste Schicht abtragen. Umstechen. Die Erde mit Kompost, Sand, Mulch veredeln. Muskelkater bejammern. Unkraut zupfen. Erde und Steine reitern mit dem Sieb. Schweißbäche trocknen. Wieder Unkrautjagd, zupfen. Und so weiter und so fort. Jahrelang. Für Bi- und Trizepse ist das alles zwar super, aber in Extremgegenden wie zum Beispiel dem Steinfeld bleibt der Boden störrisch, die Krume hart, der Steine zu viele, die Fruchtbarkeit der Scholle mager. Die beste Indikatorpflanze für nicht ideale Gemüsegartenerde ist die Karotte.

Wenn sie sich eher scheibenförmig in die Horizontale ausbreitet, statt sich stramm und schlank wie ersehnt in die Vertikale zu bohren, weil die arme Seele den Beton des Beetes nicht durchdringen kann, bedeutet das: Krise!
Wozu, verdammt, tut man sich diese ganze Hacke an, wenn man nicht einmal anständige Karotten aus dem Boden ziehen kann? Von Aus-dem-Boden-Ziehen konnte in der vergangenen Saison überhaupt keine Rede sein. Die staken fest wie einbetoniert. Der Versuch der Ernte scheiterte an der Sollbruchstelle zwischen Karotte und Kraut, die den Zugkräften niemals gewachsen war. Da das Karottenernten mithilfe von Spaten und Krampen doch was Läppisches hat, jedenfalls, wenn einem ein Mindestmaß gärtnerischer Selbstachtung innewohnt, musste eine Lösung her. Die Erde auszutauschen war schon gedanklich mit abschreckenden Muskelkatern verknüpft, deshalb der Entschluss: Ich ringe dem Boden das Beet nicht mehr ab, sondern ich setze es auf ihn drauf. Ende der Debatte.

Dieser Boden, er kann mich mal. Die reine Lehre würde nun ein Hochbeet in Betracht ziehen, was eine reizende Wissenschaft für sich ist und durchaus wert, eingehender studiert zu werden.
Doch vorerst genügt die einfachere Variante, und die funktioniert folgendermaßen: ordentliche Bretter kaufen, am besten Bauholz. Mindestens 30 Zentimeter hoch, mindestens drei Zentimeter stark und von entsprechender Länge. Daraus werden mithilfe der überaus praktischen Erfindungen des Winkeleisens und des Akkuschraubers Rahmen in gewünschter Beetgröße hergestellt und - gegebenenfalls von hämisch gackerndem Gelächter begleitet - über den steinigen vormaligen Gemüsegarten gestülpt. Jetzt die Ränder halbwegs wasserwaagengenau ein wenig einbuddeln und die Kästen mit echt guter Gartenerde füllen. Die Befriedigung, die der Anblick einer akkuraten Abfolge solcher eingefassten Beete bietet, ist nur jenen nachvollziehbar, die je gut verdichtete Böden zu Gemüsegärten transformieren wollten und niemals ordentliche Karotten ernteten. Dazwischen ein paar reizende Wege anlegen und die brachen Flächen mit duftigen Kräutern und fantastisch dekorativem Blumenzeugs dicht an dicht bepflanzen, wird der schiere Frühlingspaziergang sein vergleichsweise. Und wenn diese Karotten später nicht mindestens mit einem sanften "Plopp" aus der Krume flutschen, werde ich psychiatrische Hilfe in Anspruch nehmen.