Landschaftspfleger über die Zeiten

13.03.2015,
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Herr T. war ein auffällig wettergegerbter Mann. Die meiste Zeit seiner späten Jahre verbrachte er nicht daheim, etwa im Lehnstuhl oder vor dem Fernsehgerät, sondern unter dem freien Himmel der Natur. Er pflegte die Landschaft bei jeder Witterung und in jeder Jahreszeit mit größtmöglicher Langsamkeit zu durchwandeln. Das unterschied ihn stark von den Sonntagsspaziergängern, die kräftig ausschreitend stets den Eindruck erwecken, möglichst schnell ein Ziel erreichen zu müssen, und sei es auch nur die Vollendung einer Runde samt der darin enthaltenen Sonnenlicht- und Frischluftzufuhr.

 

Herr T. hingegen vermittelte eher die Impression, durch die Landschaft zu treiben und über die Jahre ein Teil von ihr zu werden. Auch stand er oft für ein Weilchen ganz still in Betrachtungen versunken da, und deshalb konnte man ihn jederzeit selbst unter größeren Rudeln von Spaziergängern ausmachen wie einen bedächtigen Wal inmitten eines aufgeschreckten Sardinenschwarms. Dabei war er klein und dünn.

 

Er war selten im Wald, dafür oft auf allen Feldwegen der näheren Umgebung anzutreffen. Die kannte er wie seine Westentasche, denn irgend wann einmal hatte er den Kosmos der Feldraine mit ihrer bunt durcheinander wachsenden Strauchvielfalt in Form von Schlehen, Kornelkirschen, Pfaffenhütchen, Weißdorn, Feldahorn, Berberitzen und in die Jahre gekommenen Fallobstbäumen zu seiner Aufgabe erklärt. Mit einer Gartenschere, ohne die er das Haus nicht verließ, schnitt er die Sträucher und Bäume mit Vorsicht und Bedacht in Form.


Er putzte Verdorrtes und Erfrorenes aus und legte manch kleinen Nachwuchsstrauch frei, auf dass der den Weg zum Licht besser finden konnte. Auch gab er fast schon zugewucherten Pfaden neue schwunghafte Verläufe und hielt die Wegränder von hereinragendem Geäst frei. Das schadete niemandem und nutzte allen. Warum er es tat, wusste nur er allein, und heute kann er es uns nicht mehr sagen, denn er ist schon seit Langem tot.

 

Die Landschaft, die er durchwandelte, hat sich seither doch ein wenig verändert. Denn wo früher Herr T. mit seiner Gartenschere flanierte, brausen jetzt alljährlich neumodische geländegängige Gefährte mit seitlich montierten Schneidarmen durch die Gegend. Die sind die Pest! Die zerstückeln jeden Feldrain, hacken ihn kurz und klein, und wenn sie mit Gestank und Lärm vorbeigekracht sind, bleiben jämmerlich verstümmelte Strauchskelette und aufgeschreckte, nach ihren Nistplätzen suchende Singvögel zurück.

Warum ich die Geschichte erzähle? Ganz einfach: Wer in seinem Garten vorbildlicherweise anstatt der üblichen Thuje die aus hunderterlei Gründen ökologisch wertvolleren Blütensträucher hegt, sollte es jetzt im späten Winter Herrn T. gleich tun und die Gartenschere hervorkramen. Insbesondere die spät blühenden Sträucher müssen rechtzeitig verjüngt und zurückgeschnitten werden, will man im Sommer eine fesche Blüte sehen. Deshalb aufgepasst! Nur diejenigen Sträucher kommen jetzt unter die Schere, die am einjährigen Holz blühen, also an jenen Trieben, die sie ab Frühling entwickeln.

Auf keinen Fall sollten Sie sich über Frühblüher wie Forsythie, den Perlmuttstrauch Kolkwitzia, Mandelbäumchen, Zierquitten und Ranunkelstrauch hermachen. Die werden erst nach der Blüte verjüngt, denn alles, was sie an Blütenknospen im Vorjahr bereits getrieben haben, würde nun mit einem Frühjahrsschnitt vernichtet.

Verfügen Sie sich also lieber zu Sommer- und Herbstblühern wie Sommerflieder, Bartblume, Säckelblume, Fingerstrauch, Weigelie und Spierstrauch. Die brauchen jetzt eine gekonnte Rasur. Fast alle Blütensträucher sollten regelmäßig verjüngt, also geschnitten werden. Denn jeder Rückschnitt fördert den Neuaustrieb, provoziert junge Triebe und damit mehr Blüten.

Vorsichtig muss man nur bei überalterten Sträuchern sein, an die niemals jemand Hand anlegte. Manche von ihnen, insbesondere Fingersträucher, vertragen in späten Jahren allzu radikale Rückschnitte ins alte Holz nicht mehr. Schneiden Sie lieber von Anfang an, dann bleiben die Sträucher kompakt, gesund und blühfreudig.

Wenn Sie sich nun abschließend die Frage stellen, wie die Feldraine in früheren Zeiten in Form gehalten wurden, so gibt es auch darauf Antwort: Es waren meist Ziegen, die das Rasenmähen und Staudenstutzen erledigten. Man trieb sie hinaus, pflöckelte sie quasi an der Leine an, ließ sie alles kurz und klein weiden und holte die vollgefressenen Flurpfleger später wieder ab. Das dem durch den Radius des Stricks vorgegebene Areal sollen sie, so berichten jene, die das noch erlebt haben, in größtmöglicher Säuberlichkeit hinterlassen haben.