Leben ohne Thuje

02.10.2013,
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Es ist an der Zeit, sich beim „Verein regionale Gehölzvermehrung“ zu bedanken: Vor nunmehr elf Jahren bestellte ich für wenig Geld bei diesen Spezialisten für Sträucher und alte Obstsorten alles an Gewächs, was ich kriegen konnte und bepflanzte damit den steinig-kargen Sonnenblumenacker, der einmal mein Garten werden sollte. Das schien mir damals zum einen ein noch langer Weg, zum anderen aber auch eine Verpflichtung zu sein. Wer schon das Glück hat, ein Grundstück zu eignen, so dachte ich, sollte es auch ordentlich bewirtschaften: So, dass man selber ernten kann und seine Äpfel nicht aus Neuseeland importieren muss, und so, dass gleichzeitig möglichst viel Viehzeug aller Art, insbesondere Vögel und Insekten, ebenso eine Freude haben damit.

 

Deshalb kamen beispielsweise niemals auch nur in entfernten Gedanken Thujen als säuberlich-dunkelgrüne Grundstücksbegrenzer infrage, sondern ausschließlich hier heimische Sträucher, also solche, die im Gegensatz zur Thuje Insekten beherbergen und nähren, und die, im besten Fall, auch für mich Frucht abwerfen. Von denen gibt es zahllose, kein Kind kann heute mehr ihre Namen nennen: Schlehdorn, Kornelkirsche, Wildrose sind nur die bekanntesten davon. Dann gibt es die anderen, die Wind- und Sichtschutz bieten, die, wie der schnellwüchsige Liguster, gegebenenfalls auch in Form geschnitten werden können. Auf ihm leben unter anderem die Raupen des großen, am rosa-grau gestreiften Leib erkennbaren Ligusterschwärmers. Der Weißdorn ernährt gleich mehr als 300 Insektenarten, die wiederum die Vögel herbeilocken. Prachtgewächse sind auch die verschiedenen Feldahorne mit ihren kleinen Blättern, dem im Alter knorrigen Wuchs und der sensationellen Herbstfärbung des Laubes. Dazwischen ein paar Ebereschen, die herbstlichen Jausenpakete der Vögel. Das nur ein winzig kleiner Ausschnitt aus der artenreichen Hecke, die ich damals pflanzte, und die, im Gegensatz zu vielem anderen, der Dürre dieses extremen Sommers tadellos ohne Zutun trotzte.

 

Doch zurück zum Anfang: Ein Garten braucht auch Obstbäume. Möglichst solche Sorten von Birnen, Äpfeln, Zwetschken sollten es sein, die an das regionale Klima angepasst sind, die man nicht düngen, spritzen, künstlich am Leben erhalten muss, sondern solche, die gut mit den örtlichen Gegebenheiten zurecht kommen. Die bekam ich ebenfalls alle bei besagten Gehölzvermehrern. Dass ich einen weiteren Profi fand, der mir alle Jahre wieder aufs neue beizubringen versucht, wie man im Wuchs der Obstbäumen lesen kann, wie ihnen genau eingeschrieben steht, wo sie gestutzt und zurückgeschnitten gehören, dankt mir der nach altmodischer Manier in Dreierzeile angelegte Obstgarten bereits seit langem mit Rekordernten: Kirschen, Zwetschken, Äpfel, Birnen, Weichseln und was noch alles dazugehört.

Dabei war es ein günstiger Zufall, dass mir irgend jemand, ich habe keine Ahnung mehr wer es war, von den niederösterreichischen „Heckentagen“ erzählte, dank der man alljährlich im späten Herbst all diese und zahllose andere Gewächse nach Vorbestellung um günstige Preise an bestimmten Ausgabeorten abholen kann. Niederösterreich war der Anfang, seit 2007 befasst sich der Verein auch mit den endemischen Gehölzen in Salzburg. Es kann doch nur eine Frage der Zeit sein, bis auch die anderen Bundesländer solchermaßen mit den dort heimischen, ans Klima angepassten Gehölzarten, Unterarten  und Sippen versorgt werden.

 

Allein in Niederösterreich hat der Verein in den vergangenen 17 Jahren mehr als eine Million Pflanzen aus einem Sortiment von über 80 heimischen Gehölzarten und deren Unterarten mithilfe mehrerer Baumschulen aus Samen gezogen und in die Landschaft gebracht. Der alljährliche Heckentag lockt mittlerweile über 2000 Kunden an. Wer mehr darüber wissen will, liest sich unten den Kasten durch! Seit September kann bestellt werden, im Sortiment gustieren können Sie online.

 

Die an einem nebeligen Novembertag vor elf Jahren abgeholten Gehölze sollten, was ich damals nicht im Geringsten ahnte, eines der strukturgebenden Element des Gartens werden. Sie passen hierher, sie passen in die Landschaft, in den Boden, in genau dieses Klima. Während ich meine ebenfalls geliebten aber unvergleichlich empfindlicheren Staudenexoten begieße, betrachte ich die Obstbäume, die mittlerweile schattenspendenden Hecken, die vielen kleinen Viecher, die darin herumschwirren und gaukeln und verstehe absolut nicht, warum so viele einer vergleichsweise toten Thujenhecke den Vorzug geben.