Lopud. Grand Hotel.

14.04.2015,
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„Normalerweise“, sage ich, „bin ich die erste, die auf ist. Was zum Teufel machst du schon hier?“ „Auf das Frühstück warten“, sagt er zurückgelehnt hinter einer Sonnenbrille, die jetzt gerade anfängt Sinn zu machen, weil eben die ersten Sonnenstrahlen über dem Hügel auftauchen. Wir befinden uns auf der ansonsten menschenleeren Strandpromenade von Lopud. Bis auf unsere beiden Sessel sind alle anderen in den Strandcafés links und rechts noch an die leeren Tische gelehnt. Sogar das Mobiliar schläft noch. Es ist ungefähr Sieben, also eine gute Stunde, bevor die Kaffeemaschinen angeworfen werden.

 

Lass uns eine Runde drehen. Eine Insel, die gerade einmal vier Quadratkilometer groß ist und über eine einzige Ortschaft mit ungefähr 220 Einwohnern verfügt, ist eine überschaubare Angelegenheit. Sollte man meinen.

 

Doch Lopud, das kleine, grüne und mit Süßwasserquellen gesegnete Eiland vor Dubrovnik, ist bereits seit der Antike bewohnt. Die Menschen haben über die Jahrtausende hier vielfältigste Spuren hinterlassen. Und auf die begeben wir uns jetzt. Am südwestlichen Zipfel der bewohnten Bucht sitzt beispielsweise ein prächtiges Kloster über den steilen Klippen. Eine wehrhafte Angelegenheit unbestimmbaren Alters, die Festungsmauern strecken ihre Wurzeln hinab bis an das Meer. Das ist jetzt, in der Morgensonne, smaragdgrün und klar wie ein Gebirgsbach.

 

Boris, der Künstler und Kurator aus Bratislava, ist nicht zum ersten Mal hier. Er kennt den Weg durch das alte, teilweise verfallene Gemäuer. Wir steigen die breiten Treppenanlagen zum Kloster hinauf, schlängeln uns durch grasbewachsene Höfe, betreten einen fensterlosen Gang, tauchen in der Finsternis wieder hinab über Geröll und uralte Steinstufen. Am Ende rieselt Licht durch die Ritzen einer roh gezimmerten Holzpforte.

 

Wir öffnen sie - und klettern hinunter in das Bad der Mönche. Die Wellen schwappen sanft in eine ausgewaschene Wanne in den Klippen, vor uns liegt nur das Meer - ein historischer Badeplatz, vor den Augen der Welt wohl verborgen. Wir stellen uns vor, wie die Franziskaner im Mittelalter zu frühmorgendlicher Stunde wie dieser ihre Kutten gerafft - oder vielleicht gar gänzlich abgestreift haben. Wer kann das heute noch sagen?

 

Zurück in die Bucht, die schläft immer noch. Die Sonne klettert beständig über die Ziegeldächer und hinab an den schönen Steinfassaden. Schwer zu datieren, das alles. Teilweise gehen die Häuser sicher zurück bis in die Renaissance. Ein Dorf aus Steinquadern gebaut. In Lopud gibt es keine Autos, nur eine Hauptpromenade, und zwischen den alten Häusern steile Treppen und Wege, die den Hügel hinaufführen. Einen davon nehmen wir, weil der bringt uns in Terrassengärten, die tatsächlich aus der Renaissance stammen.

In der Nacht hat es hier betörend geduftet, jetzt sehen wir, wonach: Mandarinen- und Orangenbäume, dicht an dicht. In Blüte und in Frucht. Wir wandeln durch eine Art mediterranes Schlaraffenland. Der römische Adel soll sich seinerzeit hier vergnügt haben, vielleicht haben die damals schon Tomaten und Rucola zwischen den Bäumen gezogen, wer weiß?

 

Der ehemalige Prachtgarten einer Villa aus dem 19. Jahrhundert ein Stück weiter ist jetzt jedenfalls ein öffentlicher Park. Palmen und Bambus und seltenes exotisches Pflanzenzeug wächst hier, ein versunkener Ort der Kühle und der Kontemplation, wenn die Sommerhitze draußen am Strand zuschlägt wie mit dampfenden Fetzen.

 

Die schönsten und höchsten Palmen stehen allerdings noch ein Stückchen weiter in Reih und Glied: Sie bilden eine pompöse Allee und leiten uns im rechten Winkel vom Strand weg zu einer Ruine aus einer ganz anderen Zeit. Unter den Turnschuhen knirschen Glasscherben, ein Gitterzaun ist auch nur noch der Rest seiner Selbst, wir können also eindringen und über Schutthäufen steigen. Vor uns ragt ein verlassenes, riesiges Gebäude in den blauen Morgenhimmel. Wie ein Ozeandampfer wirkt es, wie ein stilles Betonschiff mit Relings und Decks, auf verschiedenen Ebenen horizontal geschichtet.

 

Das Grandhotel aus den 30er Jahren ist sich selbst überlassen und verfällt seit vielen Jahre, doch die herrlichen Linien dieser Architektur atmen den Geist der klassischen Moderne nach wie vor. Dieses Hotel muss seinerzeit eine überaus mondäne Angelegenheit gewesen sein. In den weiten Sälen, hinter langgezogenen Fensterbändern schwingt der Nachhall von Calypso, Swing, Charleston.

 

Der Namenszug „Grandhotel“ ist in eleganten Lettern ganz oben aus dem Beton ausgespart, die Sonne scheint gerade durch. Wer hat eine solche Ausnahmearchitektur ausgerechnet auf diese kleine Insel gesetzt? Der Tourismus, erzählt Boris während wir zur Pension und zur hoffentlich schon in Betrieb genommenen Espressomaschine zurückschlendern, setzte auf Lopud um 1900 ein. Das Hotel wurde von einem serbischen Architekten mit Namen Nikola Dobrovic gebaut. 1934 bis 1936. Jugoslawien war damals noch Königreich. Wenig später kam der Krieg, dann, 1945, Titos Föderative Volksrepublik.

 

Unsere Zimmerwirtin serviert uns zum schaumigen Milchkaffee überraschender weise auch die Geschichte des Hotels: Ihre Großmutter hatte es gemeinsam mit deren Söhnen in Auftrag gegeben. Modern sollte es sein, und der Zeit entsprechend. Doch nur wenig später wurde mit allem anderen auch das große Hotel in das Volksvermögen eingebracht, die Familie enteignet, und das internationale Publikum wich dem Parteibonzentum. Sie hat noch die alten Prospekte. Auf Deutsch, auf Polnisch, auf Französisch.

 

Wir sitzen auf Plastiksesseln, trinken Kaffee, schauen den Möwen und den ersten Touristen zu, die Sonnenbrillen hervornesteln und Frühstück bestellen. Die Welt ist uralt und jung zugleich, und während die anderen noch geschlafen haben waren wir heute schon überall.