Männer, die auf Hunde starren

30.08.2013,
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Als die Dorfstraße noch nicht asphaltiert war und auf den Weiden hinter Elektrodraht noch die Milchkühe standen, machten sich die Hofhunde regelmäßig aus, wer unter ihnen der Chef war. In Vorwahlzeiten lagen sie meist träge irgendwo am jeweils zu bewachenden Bauernhof herum, schnappten nach Fliegen, knurrten beiläufig die Kinder an, die abends Milchholen kamen, vertrieben nächstens die Füchse vor dem Hühnerstall. Doch gelegentlich sahen sie sich zu Aktivität gezwungen, dann mussten sie untereinander ausmachen, wer auf dem Straßenpfad der Öffentlichkeit das Sagen hatte.

 

Die Wahlkämpfe fanden also fast immer auf eben jener staubigen Dorfstraße statt. Knurrende, kläffende Fellbüschel, gebissene Haxen, zerfetzte Ohren, winselnde Verlierer, triumphierende Sieger. In diese Raufereien mischte man sich nicht ein. Wozu auch? Die Hundsviecher waren ausschließlich mit sich selbst und mit der Bekämpfung und Erniedrigung des anderen befasst.

War die Wahl erledigt, war der Häuptling erkoren, wurde es für uns Zweibeiner wieder schwieriger. Denn dann waren sie nicht abgelenkt. Man machte also große Bögen um diese Hunde. Man konnte nie wissen, wann sie aus einer miesen Laune heraus zuschnappen und am eigenen Wadl das Haxlbeissen für bevorstehende neuerliche Ernstfälle trainieren würden.

 

Diese Art der Hundstage gehört genau so der Vergangenheit anheim, wie die Milch, die vom frisch mit rauer Kuhzunge abgerissenen,  nicht aus dem Silo stammenden Weidegras fett geworden ist. Von der konnte man am nächsten Morgen zentimeterweise das Obers abschöpfen. Auch die jüngeren Hundstage des heurigen Sommers sind mit dem Regen endgültig weggeschwemmt und versinken nun langsam im Sediment der Vergangenheit. Möglicherweise ahnt jedoch, wer sich dieser Tage irrtümlich abends vor den Fernseher verirrt, ein Echo des Geiferns und Kläffens, dieses verbissenen Drangs, den anderen bekämpfen und erniedrigen zu müssen, den Rest der Welt dabei aber tunlichst zu vergessen. Dieses Feld aber gehört den bedauernswerten politischen Kommentatoren, also erfolgt hier sofort wieder ein Schwenk in Richtung Grün und Garten, zum Beispiel in Sachen Gras.

Alle Bilder zeigen legendäre Raufbolde der eigenen Familie.....

 

Wer in den heurigen Hundstagen einen Rasen zu pflegen hatte, war echt im Einsatz. Die Dürre hat nicht nur den Weiden schwer zugesetzt und die Heuernte großteils vernichtet, sondern auch die umsorgten Rasenflächen der Hobbygärtnerschaft beschädigt. An dieser Stelle kommen – Überraschung! – noch ein letztes Mal die Hunde ins Spiel: Denn ist es trocken, so wirkt sich lackerlweise abgesetztes Hundelulu besonders schädlich auf das Gras aus. Dort wo es die staubige Erde netzt, wo durstige Graswürzelchen begierig saugen, gibt es wenig später braune Flecken.

 

Diese, so berichtete unlängst die Gattin eines ergebenen Rasenliebhabers, würden ihren Mann in den Wahnsinn treiben. Man habe selbst zwar keinen Hund, doch andere, die welche hegten, gingen im Sommer gerne hundelos auf Urlaub. Also war für ein paar Wochen ein netter Gasthund einquartiert, der bald im Kreise der Familie aufgenommen, doch als Hund eben auch ein alter Graspischer war. Rasenliebhaber und Hund begannen einander scheel zu beäugen. Denn sobald sich der Hund, der eine Hündin war, in bekannt geduckter Stellung auf dem Gras niederließ, um sich zu erleichtern, eilte sein Gastgeber mit einem stets bereitstehenden Wasserkübel zur Stelle und schwappte unter dem Hundehinterteil her. Verdünnen! Das war die Devise, und damit hatte er schließlich Recht und später keinen braunen Grasfleck.

 

Dem Hund jedoch ging das dauernde Beobachtetwerden mit der Zeit auf die Nerven. Er begann sein Lackerlmachen zu planen und dieses stets in jenen Gartenzonen durchzuführen, die er jeweils durch Hausecken vor dem Blick des Gastgebers geschützt vorfand. Der wiederum bemerkte das und beschloss seinerseits, dem Hund aufzulauern. Seine Gattin berichtete, dass er den lieben langen Tag wenig anderes getan hätte, als mit dem Wasserkübel in der Hand heimlich hinter seinen eigenen Hausecken hervorzulugen, um den Hund unbemerkt im Visier zu behalten.

 

Ich sag’s ja immer, die Wiese ist auf jeden Fall und in jeder Jahreszeit die weit bessere Alternative. Die war zwar heuer auch von der Dürre gezeichnet, doch weit besser beieinander als jeder Rasen. Und das Wichtigste: Kein Hund hätte ihren durchsummten und durchzirpten Frieden nachhaltig zu stören vermocht.

Erschienen in der Presse

Canis major
Hundstage

Der Begriff Hundstag stammt übrigens aus der Astronomie und bezeichnet die Zeit, in der das Sternbild des Hundes auf- und wieder abgeht. Das fiel in der Antike noch in die Wochen des späten Juli bis späten August. Mittlerweile taucht der Große Hund erst mit Ende August auf. Panta rhei. In 10.000 Jahren werden die Hundstage in den Jänner fallen.