Magnolien und Apfelblüte

23.04.2016,
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Der malische Schriftsteller Amadou Hampâté Bâ sagte einmal sinngemäß: Wenn in Afrika ein alter Mann stirbt, dann ist das so, als würde eine Bibliothek niederbrennen. Vor zwei Jahren um genau diese Zeit der vergehenden Magnolienblüte und der gerade beginnenden Apfelblüte kehrte einer von uns aus Afrika nicht wieder, und auch sein Tod war, als ob ein sonniger und sehr schöner Teil des Universums plötzlich untergegangen wäre. Doch das stimmt nicht. Jedenfalls nicht ganz, und nirgendwo manifestiert sich das nachdrücklicher als in einem schönen, großen und in die Jahre gekommenen Garten in Pitten.

 

Riesige alte Apfelbäume stehen dort, auch eine prachtvolle, duftende Magnolie unbekannten Namens. Kletterrosen finden Halt an den betagten Stämmen. Maulwürfe besiedeln die ausgedehnten Wiesenflächen und werfen feinkrümelige Erdhügel hervorragender Konsistenz auf, denn die Pitten fließt gleich nebenan, und wenig Fruchtbareres gibt es, als altes Schwemmland.

 

In diesem Garten saßen wir unlängst, entzündeten ein munteres Feuerchen, redeten und erinnerten uns bis spät in die Frühlingsnacht, und erstmals tat es nicht mehr ganz so furchtbar weh. Noch in der Dämmerung kam eine Fledermaus vorbeigeflogen, die Apfelbäume versanken langsam in der Schwärze, verschwanden nur scheinbar in der Absenz des Lichtes, die dem Unsichtbaren stets eine eigentümliche Kraft verleiht.


„Irgendwann“, hatte der, der nicht mehr da, aber trotzdem bei uns war, geschrieben, „würde er seinen eigenen Garten umgraben. Er würde alles pflanzen, was er bekommen konnte, und er würde es mit den Tieren teilen. Er würde die Maulwürfe nicht vertreiben, die Schnecken nicht vertilgen, die Mäuse nicht verscheuchen und die Käfer zum Festmahl einladen. So würde es sein. Er sah sich schon mit dem Spaten in der Hand losziehen und spürte, wie die fette Erde unter dem ersten Einstich nachgab.“


Am Abend hatten wir in eben diese fette Erde eine Brombeere gepflanzt, eine dieser neuen, wunderbaren Sorten, die wie wilde Waldbrombeeren schmecken, und dabei hatten wir die in die Jahre gekommenen Apfelbäume inspiziert. Viele Blüten, eine Verheißung der zu erwartenden Ernte. Doch die Bäume sind alt, manche kränkeln schon ein bisschen, werden irgendwann ersetzt werden müssen. Kein Mensch kann mehr sagen, welche Sorten sie tragen, und der beste von allen, so besagt die Familiengeschichte, war vor Urzeiten aus einem Kern entstanden und deshalb als Summe seiner Bestäuber einzig auf der Welt.


Auch wenn man aus einem seiner Apfelkerne ein neues Bäumchen zöge, trüge es, Mendels Lehren folgend, wieder andere Äpfel, möglicherweise sehr gute, aber eben nicht diese. Wir werden deshalb nach jenem pomologischen Wissen vorgehen, das schon die alten Griechen beherrschten, und getreu Heraklits Grundsatz der Ewigkeit eine kleine Schleife abringen. Denn alle Dinge sind im ewigen Fluss, im Werden, und ihr Beharren ist nur Schein.


Am Ende des Jahres, wenn der Baum gewissermaßen im Winterschlaf liegt und seine Säfte zu Ruhe gekommen sind, werden wir ein paar seiner Reiser schneiden und in feuchtem Sand aufbewahren, bis der Frühling kommt. Bis dahin werden wir mehrere junge, etwa fünf Jahre alte Bäumchen aufgetrieben haben, auf die wir die Reiser des Familienapfelbaumes pfropfen können.


Zu diesem Zweck wird der noch schlanke Stamm knapp unterhalb der Krone schräg abgeschnitten. Dann hat man zwei Möglichkeiten: Entweder man setzt das ebenfalls schräg angeschnittene Ende des Edelreises auf die Schnittstelle, fixiert es mit Bindebast und versiegelt es mit einer Art Wachs. Oder man befleißigt sich der moderneren Methode und fixiert ein sogenanntes „Edelauge“ daran, also eine bestimmte Knospenart des gewünschten Baumes. Letzteres heißt „Okulieren“ und dürfte wahrscheinlich nur dem Profi gelingen, aber man wird es immerhin versuchen.


Dann kann man nichts Anderes tun als zu hoffen. Treibt das gepfropfte Ästchen oder die Knospe aus, hat man gewonnen und der nun als Chimäre dastehende Baum wird die gleichen Äpfel tragen wie der alte, von dem das Edelreis stammt. Er wird Jahre brauchen, bis er das erste Mal trägt, doch das macht nichts.


Im eigenen Garten stehen heute noch Bäume, die der Großvater seinerzeit veredelte, eine schöne große Williamsbirne beispielsweise, und jedes Mal, wenn sie blüht, wenn sie überreich Früchte trägt, ja auch wenn man einfach zwischendurch an ihr vorüberschlendert, ist unsichtbar aber doch der da, der den Baum vor so vielen Jahrzehnten gepropft, sich an seinem Austreiben gefreut und ihn letztlich an die ihm zugedachte Stelle gepflanzt hat. Ich sehe uns schon mit dem Spaten in der Hand losziehen, und ich spüre, wie die fette Erde unter dem ersten Einstich nachgibt.

Erschienen in der Presse

 

Das Textzitat aus dem Garten stammt aus Michael Glawoggers 2015 posthum im Verlag "Die Andere Bibliothek" erschienenen Buch „69 Hotelzimmer“