Mehr Ort als Haus

07.09.2015,
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Dem Funkhaus in der Wiener Argentinierstraße mit einer Beschreibung gerecht werden zu wollen, ist ein kühnes Unterfangen, denn was beschreibt man? Die Architektur? Die Stimmung, die das Haus in sich trägt? Die Mediengeschichte, die hier geschrieben oder besser, produziert wurde? Das Funkhaus ist ein charismatischer, eigenwilliger Ort, ein Stück Geschichte der Republik Österreich. Seit 80 Jahren atmen diese Mauern journalistische Professionalität und Kultur. Im Funkhaus gingen und gehen die Größen des Kulturgeschehens ein und aus. Dirigenten, Musiker, Schauspieler, Philosophen und Literaten geben einander täglich die Türklinke in die Hand, um sich interviewen zu lassen, an Live-Sendungen teilzunehmen oder um diversen Programmen ihre schönen Stimmen zu leihen.

So hat sich in dem Gebäude eine einzigartige Aura entwickelt. Man spürt sie nicht nur in der lässigen Bespielung des Hauses, etwa mit historischen Radio-Artefakten aller Art. Man spürt sie auch an den Menschen, an den Journalisten und Gästen, kurzum an den »Bewohnerinnen und Bewohnern«, die den Geist des Gebäudess pflegen und weitertragen. Wer durch das verglaste Portal in eines der großzügigsten und schönsten Foyers der Bundeshauptstadt tritt, wird von der über die Zeiten in die Gegenwart getragenen Geschichte des Ortes augenblicklich umfangen und fühlt sich willkommen.

 

Hell, geräumig, mit poliertem Stein, Metall und Holz ausgeführt, an der Flanke mit einem prachtvollen Treppenaufgang ausgestattet, der die in den oberen Geschoßen gelegenen Studios und Redaktionsräume auf das Freundlichste mit dem halböffentlichen Besucherbereich im Erdgeschoß verbindet, zeigt das Gebäude innen eine erstaunliche Transparenz, die man angesichts der strengen Fassade in der Argentinierstraße nicht vermuten würde. Und es ist immer etwas los, ein Kommen, Gehen, Verweilen – das Haus ist fast rund um die Uhr Zentrum unterschiedlichster Begegnungen.

Möglicherweise ist das der Kern dessen, was seinen Reiz ausmacht: Die unverschämt praktische Lage im Herzen der Stadt und die in Schönheit und Würde gealterte Architektur, die in hellen Stiegenhäusern, in Gängen, auf Podesten und selbst noch auf den Hintertreppen jene nonchalante Großzügigkeit ausstrahlt, die in so vielen modernen Büroschachtelställen erfolgreich erstickt wurde. Wo andernorts Begegnungen in fensterlosen, nach minimalistischen Bauvorschriften dimensionierten Kaffeeküchen stattfinden, in meist charakterlosen Sitzungsräumen, läuft man sich im Funkhaus ständig über den Weg. Für Journalisten, die davon leben, sich auszutauschen, Informationen schnell weiterzugeben und zu einem Beitrag oder einer Sendung zu formen, ist diese Art der Kommunikationsmöglichkeit ideal.

 

Im Vergleich zu einem zeitgenössischen Nutzbau nimmt sich dieses herrlich kantige Haus tatsächlich aus wie eine stimmgewaltige und ihr Fach über alle Oktaven hinweg souverän beherrschende Koloraturdiva gegen ein Schlagersternchen: Gediegenheit in Glas, Stein, Metall gegen Wegwerfplastik. Insbesondere in den öffentlich zugänglichen Räumen beherrscht das Gebäude die große Geste, weshalb diese Teile auch zurecht unter Denkmalschutz gestellt sind. Im Gegensatz zu Denkmalen allerdings, denen man ihren ursprünglichen Zweck entzogen hat und die in traurig musealer Staubigkeit dem Ende aller Tage entgegendämmern, ist das Funkhaus ein lebendiger, benutzter Ort geblieben.

In fußläufiger Nähe zur Wiener Innenstadt gelegen ist die Adresse Argentinierstraße 30a beliebte Anlaufstelle für Veranstaltungen - im Großen Sendesaal, im RadioCafe, im Studio 3 und im Klangtheater. Der im Erdgeschoß gelegene Große Sendesaal ist dabei Herzstück des Hauses. Vor und nach Veranstaltungen und Konzerten treffen einander nebenan im RadioCafe Journalisten, Musiker, Künstler. Die Architektur unterstützt diesen Austausch, ja ermöglicht ihn erst. Das Haus dient den Menschen und nicht umgekehrt.

 

Das Funkhaus wurde als »Radiokulturhaus« im Jahr 1938 als erstes seiner Art in Österreich fertig gestellt. Damals war es der  modernste Radiobau seiner Zeit, heute ist es der Urahn aller Sendegebäude des ORF. Den 1935 ausgeschriebenen Architekturwettbewerb gewannen zwar die Architekten Heinrich Schmid und Hermann Aichinger. Den Vorsitz der Jury hatte allerdings mit Clemens Holzmeister einer der durchsetzungskräftigsten Architekten seiner Zeit inne. Er war letztlich derjenige, der dem Wettbewerbsprojekt den letzten Schliff verpasste und den Auftrag schließlich sogar selbst übernahm.

Die heutige Architekturkritik würde das Bauwerk als Monument der frühen Moderne bezeichnen, als wuchtigen Gebäudeblock, der geschickt in das Stadtgewebe eingenäht wurde. Die Hauptfassade ein Stück von der Straße zurückzusetzen, war eine kluge Entscheidung, denn auf diese Weise wurde ein  geräumiger Vorplatz ausgebildet, der die Bedeutung des Gebäudes zu unterstreichen scheint und der einmal mehr eine Begegnungsfläche für hier Ein- und Ausgehende bildet.Ursprünglich befand sich auch zwischen den beiden Hauptgebäuden ein geräumiger Hofplatz.

 

Als das Haus in den 1970er-Jahren aus allen Mauerritzen zu platzen drohte, entschloss man sich zu einem Erweiterungsbau (1979 –1983) an dieser Stelle. Ausgeführt wurde die Ergänzung großen Formats vom Holzmeister-Schüler Gustav Peichl. Ihm gelang es, die alte Bausubstanz geschickt mit der neuen zu verknüpfen. Der viergeschoßige Erweiterungsbau ist in jedem Stockwerk mit dem Bestand verzahnt. Verglaste Verbindungsgänge sorgen für möglichst kurze Wege zwischen Redaktionen und Newsroom. Obwohl Peichl seine Innenräume mit der ihm damals eigenen postmodern angehauchten Architektursprache formulierte, verbeugte er sich in der Fassadengestaltung mit erstaunlicher Bescheidenheit vor seinem Lehrer. Er nahm die modulare Fensteranordnung des Bestandes auf, unterbrach die Monotonie jedoch mit einer Reihe halbrunder Fenster und gliederte so das Neue respektvoll in das Alte ein.


Ein wesentlicher Grund für den die Zeiten überdauernden Charme des Funkhauses sind die zahlreichen gut durchdachten und schön gearbeiteten kleineren Elemente, die wunderbaren Geländer in den Stiegenhäusern, die unterschiedlichen Beleuchtungskörper und viele weitere Details, die man im Einzelnen wohl selten beachtet, die jedoch in Summe ein elegantes und liebenswürdiges Ensemble bilden.


Die Fotografin Hertha Hurnaus hat das Funkhaus mit der Kamera porträtiert wie eine Persönlichkeit und eben diese vielen Details und Materialien, die Lichtspiele und Atmosphären eingefangen. Als Spaziergang durch dieses hoffentlich noch lange quicklebendige Haus sollte das vorliegende Buch auch verstanden werden.

 

Der Text erscheint in erweiterter Form in dem Buch "Funkhaus Wien. Ein Juwel am Puls der Stadt" (Müry Salzmann Verlag), das am 9. September um 19 Uhr im Radiokulturhaus präsentiert wird.