Merhaba heißt Hallo. Selam heißt Grüß Gott.

30.05.2014,
  • /
  • schreibt

Meine Freundin Hülya nimmt mich vergangenen Herbst mit zur Eröffnung des neuen Vereinslokals der Türkisch Islamischen Union in Ternitz. Wir sind beide von hier. „Von hier“ bedeutet für jede von uns etwas anderes. Ich bin hier geboren. Hülya ist vor 40 Jahren aus der Türkei gekommen. Am 5. August 1973, um genau zu sein, denn den Tag, an dem man das, was man Heimat nennt, verlässt, vergisst man nicht. Damals war ich sechs Jahre alt. Sie war 21.

 

Wir fahren gemeinsam zum Eröffnungsfest. Herausgeputzte Menschen auf der Straße. Eine Musikkapelle spielt. Vor 40 Jahren war hier Werksgelände. Schoeller Bleckmann. Edelstahl. Verstaatlichte Industrie. Wenn die Hochöfen abgestochen wurden, stieg roter Eisenoxyd-Rauch auf, verbreitete sich kilometerweit, und die Hausfrauen liefen in den Garten hinaus, um die Wäsche abzunehmen.


Als Landkinder waren wir gewohnt, jeden zu grüßen, dem wir auf der Straße, auf dem Schulweg begegneten. Grüß Gott, sagte man laut und freundlich, so war die Vorschrift. Als die türkischen Gastarbeiter kamen, lernten wir dazu und sagten auch Merhaba. Irgend jemand aus der Klasse hatte herausgefunden, dass man das so macht, weil das das türkische Grüß Gott sei. Wir wollten freundlich sein, entgegenkommend, wir Kinder. Es war die Zeit der endlosen Sommer, als es noch Eiscrememaschinen gab, aus denen zweifärbige Kringel in Stanitzel flossen, als sich in den Nächten Grillenzirpen mit dem ewigen Pulsschlag der Stadt, dem Hammerwerk, zu einer einschläfernden Symphonie vermischte, als das Werk noch Hochbetrieb hatte und alles gut und ewig schien. Sehr, sehr lange ist das her.

 

Wir sitzen jetzt im Hof des Vereinslokals, es werden Reden geschwungen, türkische Mädchen, die natürlich keine türkischen, sondern mittlerweile in Österreich geborene Mädchen sind, singen die Niederösterreichische Landeshymne. Aus dem Hintergrund blickt der alte Schornstein des Werkes auf uns herab. Hülya wird langsam ungeduldig, flüstert mir ins Ohr, dass es jetzt nicht mehr lang dauern wird bis zum Höhepunkt des Festes, dem Buffet: Das stellt sich als ungeheuerlich heraus. Gekocht und vorbereitet von den türkischen Frauen. Hülya weiß, wer die besten Gerichte beigesteuert hat und türmt sie gnadenlos auf meinen Teller. Das Köstlichste, meint sie, wären die gefüllten Weinblätter ihrer Freundin. Die wisse, wie man sie einlege, wie man sie fülle und perfekt rolle. Tatsächlich ist alles hervorragend, denn die türkische Küche sucht ihresgleichen. Die meisten Österreicher wissen das, allerdings aus dem Urlaub in der Türkei.

 

Vergangene Woche sitze ich mit Hülya in meinem Garten, wir trinken Kaffee und tratschen. So schöne Weinblätter, sagt sie angesichts des alten Weinstocks, dessen Reben gut über 20 Meter lang sind, und der alle paar Wochen zurückgeschnitten werden muss, weil er sonst alles in der Umgebung überwuchert. Ob sie vielleicht ein paar Weinblätter haben dürfe? Kiloweise, sage ich, und das immer wieder und den ganzen Sommer über! Allerdings unter der Bedingung, dass sie mir beibringe, wie man sie einlegt und wie man daraus diese genialen Röllchen formt, gefüllt mit Reis und Pinienkernen und Minze und allerlei anderen aromatischen Beigaben, wie es sie im Vorjahr auf dem Eröffnungsfest gab.

 

Zwei Tage später ruft sie an. Sie wird mit ihrer Freundin, der Weinblattspezialistin, einen Nachmittag lang zu mir kommen, und wir werden gemeinsam die Weinblätter einlegen und verarbeiten. Ihre Freundin, sagt Hülya vorsichtig, trage Kopftuch, aber dennoch sei sie eine liebe, lustige Frau. Wieder ein paar Tage später steht in den Zeitungen zu lesen, dass die Wiener Weinberge von Weinblätterdieben geplündert werden, und dass die Weinbauern um ihre Ernte bangen und logischerweise aufgebracht sind. Die Blätter sind die Kraftwerke der Rebe, ohne Blätter reifen die Trauben nicht. Weinblattdiebstahl gehört sich selbstredend überhaupt nicht, aber möglicherweise wissen die Diebe gar nicht, was sie da anrichten, wenn sie die Blätter zupfen. Sofort aber bricht ein Sturm scheinmoralischer Entrüstung los, auf die Ausländer, auf die Türken, auf alles, was da daherkommt an Verbrechern. Raus mit dem Gesindel!


Vieles ist entsetzlich falsch gelaufen in den vergangenen 40 Jahren. Vieles hätte so viel besser gemacht werden können, und zwar von beiden Seiten gleichermaßen. Eine intelligente Debatte zum Thema steht immer noch aus. Merhaba heißt Hallo, Selam heißt Grüß Gott. Es wäre schön, würden wir alle das endlich lernen.

Wein & Tomaten
Erntetipp

Was für die Weinblätter gilt, trifft übrigens auch auf andere zu, wie zum Beispiel auf Tomatenblätter, und das kann man sich für den Herbst merken:

 

Es ist ein Irrglaube, die Tomatenpflanzen am Ende der Saison der meisten Blätter und der Triebspitze zu berauben, auf dass die noch unreifen Paradeiser besser reifen. Die Süße und die Kraft kommt vor allem über die Photosynthese in die Früchte, nicht über die direkte Sonnenbestrahlung der noch grünen Paradeiser.