Ode an den Regenwurm

17.12.2013,
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Jahre bevor Charles Darwin 1859 sein Werk über „Die Entstehung der Arten“ veröffentlichte, begann er sich ausführlich mit einem unscheinbaren Geschöpf zu befassen: mit dem Regenwurm. 1837 hielt er vor der Geologischen Gesellschaft Englands seinen ersten Vortrag über die Bestimmung dieser Erdbewohner. Man schenkte ihm kaum Gehör. Doch Darwin war ein unbeirrbarer Geist und hielt an seinem Glauben fest, dass kaum ein anderes Tier eine wichtigere Rolle in der Geschichte der Erdentwicklung gespielt habe, als der Wurm. Ein Jahr vor seinem Tod 1882 veröffentlichte er sein letztes Werk. Es hieß in deutscher Übersetzung: „Die Bildung der Ackererde durch die Thätigkeit der Würmer“.

 

In Zeiten, in denen jene Gifte, die Bienen morden, durch solche ersetzt werden könnten, die den Regenwurm umbringen, ist es angebracht, eine Ode an den Wurm zu singen. Jeder Gärtner kennt dieses Lied. Je mehr Regenwürmer seine Erde durchbohren, desto erfreulicher der Pflanzenwuchs, und zwar aus folgenden Gründen.

 

Die Regenwürmer sind Bioturbatoren. Das sind Lebewesen, die Böden durchwühlen, durchmischen und damit eine für die Bildung von Humus entscheidende Rolle spielen. Ein Regenwurm unserer Breiten lockert das Erdreich bis in eine Tiefe von drei Metern. Jeder, der mit Mulch arbeitet, kennt den Effekt: Steinharte Böden werden innerhalb kurzer Zeit locker, fruchtbarer und leichter bewirtschaftbar, wenn eine Mulchschicht darüber gebreitet ist. Die organischen Substanzen halten den Boden feucht und locken auch die Würmer an. Sie werden von ihnen gefressen und in Nährstoffe umgewandelt in den Boden transportiert. Der wird gelockert und belüftet. Die feinsten Pflanzenwurzeln, die für die Aufnahme von Nährstoffen zuständig sind, orientieren sich gerne an den Gängen der Regenwürmer und wachsen daran entlang.

 

Es gibt einen Grund für dieses Wurzelverhalten: Das Verdauungsprodukt des Regenwurmes ist der reine Dünger. Wurmkot enthält im Schnitt etwa das Fünffache an Stickstoff, das zwei bis sechsfache an Magnesium, das Siebenfache an Phosphat und das Elffache an Kalium als normale Gartenerde. Wo viel Wurm, da viel aufgeschlossene Mineral- und Nährstoffe, die erst jetzt von den Pflanzen aufgenommen werden können. Darüber hinaus transportieren die Würmer diese auch aus tieferen Schichten in die oberste Humuszone, wo beispielsweise unsere Gemüsepflanzen wurzeln.

 

Pro Quadratmeter gesundem Boden leben etwa 100 bis 400 Regenwürmer. Pro Hektar, so rechnete bereits Darwin vor, produzieren diese in nur einem Jahr an die 45 Tonnen Wurmkotdünger. Heutige Schätzungen gehen sogar von bis zu 100 Tonnen aus. Das gilt allerdings nur für intakte Böden. Ein Feind des Wurmes ist die sogenannte Kunstdüngung: Die industriell auf synthetischem Weg hergestellten Dünger erhöhen die Säure- und Salzkonzentration im Boden, was der empfindlichen Haut des Wurmes abträglich ist.

 

Regenwürmer erreichen ein Alter von geschätzten drei Jahren, wobei man das gar nicht genau weiß, vielleicht werden sie auch älter. Es gibt hierzulande rund drei Dutzend Arten von ihnen, wobei manche am liebsten im Kompost leben, andere die obersten Schichten des Erdreichs bevorzugen, andere wiederum in tiefen Zonen leben und nur frühmorgens oder bei starkem Regen an die Oberfläche kommen.

 

Vergangenes Frühjahr trat ein vorübergehendes Verbot der Neonicotinoide in Kraft, das als Saatgutbeize gegen den Maiswurzelbohrer eingesetzt wurde, gleichzeitig aber auch zahllose Bienenvölker vernichtete. Die Überlegungen, diese jetzt durch ein Produkt mit Handelsnamen „Force“ zu ersetzen, scheinen beim neuen Landwirtschaftsminister Andrä Rupprechter auf taube Ohren zu stoßen. Wie erfreulich! Sein Vorgänger Nikolaus Berlakovich hatte nicht einmal vermocht, sich der Veröffentlichung der eingesetzten Pestizidmengen zu stellen und hatte sich auf sein „Amtsgeheimnis“ berufen. Eine ausgemachte Schande.

 

Zitat aus dem „EG-Sicherheitsdatenblatt“ des Herstellers des nunmehr als Neonicotinoid-Ersatz im Gespräch stehenden Pestizids: „Sehr giftig für Wasserorganismen, kann in Gewässern längerfristig schädliche Wirkung haben. Sehr giftig für Regenwürmer.“ Nachzulesen unter „Besondere Gefahrenhinweise für Mensch und Umwelt“ und auf der Website des an der Börse notierten Herstellers Syngenta. Dessen schärfster Konkurrent ist ein Konzern namens Monsanto. Wenn man das Zeug einatmet, steht hier weiter zu lesen, möge man „künstliche Beatmung einleiten“. Noch Fragen?

Erschienen in der Presse

Regenwurmeinmaleins
Fang den Wurm

Wer viele Regenwürmer anlocken will, stellt auf Kompostwirtschaft um und verzichtet auf „Kunstdünger“. Der Boden wird auch nicht mehr umgegraben, sondern mit Grabgabel und Sauzahn bewirtschaftet.

Der Mulch ist des Wurmes Lieblingsspeise. Also versuchen Sie es zumindest einmal: Streuen Sie Mulch auf magere, harte Krume und beobachten Sie, wie die übers Jahr locker und humusduftend wird.