Schlachtung der Hähnchen

20.05.2012,
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So winzig sie sind, diese elenden Kreaturen, wenn sie in Massen auftreten, richten sie enormen Schaden an. Sie können ganze Lilienkulturen innerhalb weniger Tage kahl fressen, wobei sie die Pflanzen im Extremfall durch vollständige Entlaubung so schwächen, dass sie eingehen. Das Maiglöckchenhähnchen ist dabei ein ausgesprochen hübscher, etwa sechs Millimeter langer Käferwinzling. Es ist zinnoberrot mit schwarzer Unterseite. Niemals würde man diesem schnieken kleinen Kerl zu Leibe rücken, wüsste man nicht über seine Untaten bescheid. Oder besser, über die Untaten seines larvigen Nachwuchses. Der frisst die Lilienpflanzen radikal ab, was man an säuberlich wie abgeschnitten wirkenden Blättern feststellen kann. Lässt man die Larven weiterjausnen, fressen sie das Blatt bis zum Stiel komplett weg. An den Fresskanten hängen an der Blattunterseite kleine schwarzgrüne Batzen, die wie verdaute Lilienblätter ausschauen - und genau das auch sind.

 

Die Larven der Käfer umhüllen sich mit dem eigenen Kot und tragen ihre Kackhäufen als Schutzschild mit sich herum. Sogar den Vögeln graust davor. Im Gegensatz zum Lilienhähnchen, das genau so ausschaut, jedoch einen schwarzen Kopf hat, macht das Maiglöckchenhähnchen keine Vermehrungspause ab Juni. Das legt seine Eier munter weiter und bringt es in günstigen Jahren auf bis zu drei Generationen. Wenn man bedenkt, dass jede Maiglöckchen-Käferhenne dreihundert Eier legt, kann man sich ausrechnen, dass eine Massenplage unlustig wird. Im Vergangenen Jahr ließ ich die vereinzelt auftauchenden Käfer noch am Leben. Das war ein Fehler. Heuer ist jedes einzelne Liliengewächs befallen, und meine Barmherzigkeit hat geendet.

 

Die Käfer selbst richten wenig Schaden an, doch zumindest ihre Larven müssen auf jeden Fall abgeklaubt werden, will man Lilien blühen sehen. Wem graust, der trägt dabei Handschuhe. In diese Verlegenheit komme ich nicht mehr, denn wo auch immer und wann auch immer das Auge auf vormals stattliche Lilien fällt: Überall kleine schwarzgrüne Kackbatzen an halb aufgefressenen Blättern. Die Devise lautet: Entfernen, im Gras oder sonst wo abstreifen und anschließend Händewaschen. Die Käfer klettern gerne auf den Lilien in der Sonne herum und pflegen bei Angriffen eigenartige quietschende Laute zu produzieren. Das  hat ihnen einerseits den Namen eingetragen und macht andererseits die Sache nicht leichter. Doch auch sie werden hier heuer – zwack! - beschleunigt in den Kreislauf der Natur zurückgeführt. Die Käferjagd gestaltet sich dabei tückisch, denn schon beim geringsten Anlass lassen sich die Tiere fallen und verharren reglos auf dem Rücken liegend, schwarzen Bauch nach oben, auf dem Erdboden.

 

Als natürlicher Feind des Lilien- und Maiglöckchenhähnchens wird neben Schlupfwespen und Vögeln interessanter weise auch der Igel angegeben. Wie er sie einfängt, wird nicht erklärt und bleibt rätselhaft. Selten sah man Igel auf Lilien herumklettern, nicht wahr? Vielleicht wühlt er aber auch in der Erde, wo die Verpuppung stattfindet und die Metamorphose der wenig appetitlichen Larve zum knallroten Käfer erfolgt. Dort überwintern sie auch. Gegebenenfalls zahlt es sich also aus, befallene, in Töpfen oder Trögen gezogene Lilien im Herbst in neue Erde zu setzen.

Lilie oder Taglilie

Wenn Sie jetzt sagen, Ihre Taglilien seien verschont geblieben, so liegt das daran, dass Taglilien und echte Lilien miteinander nicht verwandt sind. Die Taglilie Hemerocallis gehört zur Familie der Grasbaumgewächse, die Lilie Lilium zu den Liliengewächsen. Die eine hat Rhizome, die andere ist eine Zwiebelpflanze. Die Käfer naschen nur an letzteren, deshalb ist auch Ihr Schnitt- und Knoblauch vor ihnen niemals sicher.