Sie sind wieder da

26.02.2016,
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  • gräbt

Als Loki Schmid, die Ehefrau des damaligen deutschen Bundeskanzlers Helmut Schmidt, im Jahr 1979 die „Stiftung zum Schutze gefährdeter Pflanzen“ gründete, war die Debatte bereits uralt: Soll man abgefallenes Laub bereits im Herbst oder doch erst im Frühjahr entfernen? Die Antwort lautet: Das möge jeder nach eigenem Gutdünken entscheiden. Fest steht, dass die Falllaubschicht unter der Schneedecke das Gras erstickt und im schlimmsten Fall fleckenweise umbringt, in Rabatten und Gemüsebeeten jedoch den Winter über eine ausgezeichnete Mulch- und Isolationsschicht bildet. Also lautet der Ratschlag: Da entfernen, dort bis Frühling liegen lassen.


Mit Loki Schmidt und der dem Umweltschutz verpflichteten Stiftung hat das insofern zu tun, als  einer der Zwecke der Institution die Wahl der „Blume des Jahres“ ist – um Bewusstsein zu schaffen für vom Aussterben bedrohte Wildblumen. Für 2013 wurde das Leberblümchen ausgewählt, eine der allerersten Pflanzen, die im Frühjahr zu blühen beginnen. Jetzt gerade ist das zu beobachten. Im Falle des Leberblümchens ist es ein anmutiges und mittlerweile bedauerlicherweise selten gewordenes Ereignis: Die kleine Pflanze bahnt sich ihren Weg durch das im Herbst gefallene Laub und öffnet in ein paar  Zentimetern Höhe für nur wenige Tage ihre leuchtend lilablauen Blüten.


Dass die wie kleine Anemonen ausschauen, liegt daran, dass sie solche sind. Das Leberblümchen gehört dieser Unterfamilie der Hahnenfußgewächse an. Es ist nur auf lehmigen und vorzugsweise kalkhaltigen Waldböden anzutreffen, auf denen sich im Herbst besagte Laubschicht gebildet hat. Besonders gerne wächst es in alten Buchen- und Eichenwäldern. Dort trifft man gelegentlich auch auf Leberblümchenliebhaberinnen und Liebhaber, die es diesem natürlichen Umfeld mittels Schäufelchen entreißen, um es im eigenen Garten heimisch zu machen.


Das ist zum einen in ganz Deutschland sowieso und bei uns in manchen Bundesländern laut Naturschutzgesetz verboten, zum anderen meist nicht von Erfolg gekrönt. Das Leberblümchen ist eine heikle kleine Pflanze, die sich nur ungern versetzen lässt und die in den meisten Blumenbeeten schnell eingeht. Sie braucht die Ruhe und den Schutz des laubübersäten Waldbodens, um zu gedeihen. Wenn Sie also Leberblümchen im Garten haben wollen, suchen Sie lieber eine Spezialgärtnerei auf. Dort kann man, ohne den Blumenfrieden im Wald zu stören, ein paar Zuchtformen kaufen, die etwas robuster sind. Doch auch für die gilt: Lassen Sie das Laub darüber und rundherum bis in den Frühling unbedingt liegen.


Jetzt allerdings bricht die Zeit langsam an, in der man Blumen- und Gemüsebeete von dieser Isolationsschicht befreien sollte. Ein Teil des Laubes hat sich in der Winternässe bereits in Mulch verwandelt, doch die darüber liegenden Laubplatten gehören jetzt entfernt. Im Komposthaufen werden sie den Sommer über zur besten Erde verwandelt, die man sich und seinen Blumen gönnen kann. Der Boden erwärmt sich ohne Laub in der Frühlingssonne rascher, empfindliche Pflanzen werden nicht erstickt, allerlei Samen beginnen zu keimen, der Frühling kommt unaufhaltsam daher.


Wie man das Laub entfernt, führt die Nachbarin alljährlich mit so energischen Laubrechenschwüngen vor, dass zimperlicheren Naturen wie mir Hören und Sehen vergeht. Sie pfeift sich offenbar wenig um erste Blättchen, sondern fegt durch den gesamten Garten wie ein Frühlingssturm. Die kleinen Pflanzen würden das locker aushalten, meint sie, und ich solle mich nicht so haben. Das von mir die längste Zeit praktizierte vorsichtige Blattabheben würde sie vielmehr nervös machen.


Nachbarin ist der einzige mir bekannte Mensch, der an einer bestimmten Stelle ihres Garten zahllose Leberblümchen eignet. Dort recht sie natürlich nicht. Woher die kamen, kann keiner sagen, aber sie vermehren sich langsam und beständig mit jedem Jahr. Die Ameisen tragen im wahrsten Sinne des Wortes das ihre dazu bei. Die verschleppen gerne die winzigen Leberblümchensamen, um sich am daran befindlichen „Elaiosom“ zu delektieren – den Samenanhängseln, die von Ameisen gerne schnabulierte Fette und Zucker enthalten. Irgendwann, so hoffe ich jedenfalls, werden sie mit der Last von Leberblümchensamen beladen auch meinen  Zaun unterschreiten. Laub kriegen sie dann, so viel sie wollen.