Østerrike am Fjord

09.09.2018,
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Am Ende des Sognefjords in Norwegen liegt ein 200-Seelen-Dörfchen mit Namen Skjolden. Dahinter erstreckt sich, spektakulär in die schroffe Berglandschaft gebettet, ein See, an dessen Ende wiederum eine steile Felswand aufragt. Links und rechts rauschen Wasserfälle zu Tal. Der eine oder andere Raubvogel kreist über dem Wald. Gelegentlich bimmelt irgendwo ein Glöckchen, wenn ein Schaf ein paar Schritte tut. Ansonsten herrscht die Stille reiner Natur.


Die längste Zeit waren die Schafe hier allein und unter sich, doch hin und wieder passierte es doch, dass jemand zu Besuch kam. Leute aus fernen Ländern schnürten ihre Wanderschuhe und schlugen sich durch das Dickicht hinauf auf besagte Felswand. Sie folgten einem kaum erkennbaren Pfad. Oben angelangt, 30 Meter über der Wasserfläche, lag ihr Ziel: Eine Fundamentplatte, aus Steinen aufgeschichtet, etwa sieben mal acht Meter groß, zur Felskante hin zwei Meter hoch.


Ein Zitat des Wiener Architekten Adolf Loos besagt: „Wenn wir im Walde einen Hügel finden, sechs Schuh lang und drei Schuh breit, mit der Schaufel pyramidenförmig aufgerichtet, dann werden wir ernst, und es sagt etwas in uns: Hier liegt jemand begraben. Das ist Architektur.“ 


Auch in diesem Fundament über dem See Eidsvatnet liegt etwas begraben, doch zum Glück nicht jemand, sondern vielmehr ein Teil der Geschichte eines Mannes, der hierherkam, um im „stillen Ernst“ der Landschaft zu denken und zu schreiben: Bis zum Jahr 1956 stand an dieser Stelle das erste Haus von Ludwig Wittgenstein.


Der wichtigste österreichische Philosoph des 20. Jahrhunderts war, damals 24 Jahre alt und seit zwei Jahren bei Bertrand Russell am Trinity College in Cambridge eingeschrieben, im Sommer des Jahres 1913 nach Norwegen gereist, um in größtmöglicher Einsamkeit und Stille zu denken und zu schreiben. Die Gegend gefiel ihm so, dass er, kaum wieder ins quirlige Cambridge zurückgekehrt, beschloss, sich in Norwegen niederzulassen.


Noch im selben Jahr plante er ein kleines Holzhäuschen auf dem Fels über dem See. Insgesamt fünf Jahre seines Lebens sollte er in Norwegen verbringen, und selbst in den Monaten vor seinem Tod im Jahr 1951 hatte er den Wunsch, wieder in die Waldeinsamkeit zurückzukehren, doch dazu war es zu spät. Er vermachte das Haus einem ortsansässigen Freund. Etwa vier Jahre stand es leer, dann wurde es abgebaut, die Hölzer über den gefrorenen See transportiert und in Form eines neuen Häuschens wieder errichtet.


Nur das Fundament blieb, und, zumindest bei manchen Wittgenstein-Anhängern, die Erinnerung an den Ort, an dem der Philosoph sein Frühwerk, den Tractatus logico-philosophicus, vollendete. „Ich kann mir nicht vorstellen“, schrieb er Jahre später, „dass ich irgendwo anders so hätte arbeiten können wie hier. Das ist die Stille und vielleicht auch die wunderbare Landschaft – ich meine ihren stillen Ernst.“

 

Seit vergangenem Mai ist, zumindest vorübergehend, Schluss mit besagter Stille. Eine internationale Gruppe von Professoren - Philosophen, Architekten, Städteplaner – hat die Aufgabe in Angriff genommen, Wittgensteins norwegische Denkerstätte wieder aufzubauen. „Möglicherweise hätte ihm das missfallen“, sagt mit Harald Nils Røstvik, Professor für Architektur an der Universität Stavanger, einer der Projektinitiatoren, „aber er hätte sicher die Idee gemocht, dass junge Leute hier zum Nachdenken und Arbeiten zusammenkommen.“

Gut 90 Prozent der ursprünglichen Baumaterialien sind erhalten, die Hölzer, die Dachziegel, selbst die Fenster. Die fanden die Wittgenstein-Rechercheure sorgfältig gestapelt in einem alten Schuppen. Ein Bauer hatte sie Mitte der 1950-er Jahre jenem Mann abgekauft, der aus dem demontierten Häuschen sein Sommerhaus baute, der mit den traditionell österreichischen Fenstern, in Norwegen eher unüblich, jedoch nichts anfangen wollte. Mehr als ein halbes Jahrhundert lagerten sie da. Nun werden sie Vorort im Rahmen diverser Seminare von Studenten der Universitäten Cambridge, Manchester, Berlin, an denen Wittgenstein selbst seinerzeit studiert hatte, säuberlich geputzt, restauriert und, den Ergebnissen langjähriger wissenschaftlicher Studien folgend, zu dem zweigeschossigen Häuschen über dem See wieder zusammengesetzt.


Das Ziel: Den Ort zum einen wieder begeh- und besichtigbar zu machen, zum anderen eine kleine Denkerstätte zu schaffen, die von Philosophen, Studierenden und Interessierten benutzt und wertgeschätzt werden kann. Ein bescheidenes Besucherzentrum ist ebenso geplant wie der Wiederaufbau des alten Bootshauses und des vom technisch versierten ehemaligen Maschinen- und Flugzeugkonstrukteurs Wittgenstein raffiniert gebauten Wasseraufzugs in Form einer Seilwinde hinunter zum See.


Das Haus war bescheiden, spartanisch, klein. Im Erdgeschoß ein Arbeitsplatz, ein Herd zum Kochen und Heizen, eine in das Fundament eingelassene kühlende Speisekammer, eine außen gelegene simple Duschmöglichkeit. Im Obergeschoß ein langer Balkon, die Schlafstatt, der Giebel, anders als in Norwegen üblich, auf den See gerichtet.


Der vormals überwucherte steile Pfad hinauf ist zur Hälfte saniert und abgesichert, für den restlichen Weg fehlt derzeit noch das Geld. Die Wittgenstein-Stiftung in Skjolden hat international mit Mühe Sponsoren aufgetrieben, die Mitglieder arbeiten unentgeltlich, die Studenten finanzieren sich ihre Reisen selbst. Leute wie der Schriftsteller Jostein Gaarder und Jon Fosse beteiligen sich, doch bis zum Ziel der, wie Rostvik schätzt, höchstens 800.000 Euro Projektsumme, ist der Weg noch steil. Dennoch soll das Haus kommendes Jahr fertig sein.


Es mutet befremdlich an, dass diesem Projekt an einem Ort, den die Einheimischen bis heute Østerrike nennen, bis dato keinerlei österreichische Zuwendung jedweder Art zuteilwurde. Den vormaligen Botschafter in Oslo schien es nicht zu interessieren, doch mit seinem Nachfolger Wilhelm Maximilian Donko könnten die Häuschenbauer möglicherweise einen tatkräftigeren Verbündeten zur Seite haben. Er sei kein Architekturspezialist, meinte er, doch werde er sich das Projekt nun genauer anschauen.


„Die Arbeit an der Philosophie ist, wie vielfach die Arbeit an der Architektur, eigentlich mehr die Arbeit an einem selbst, an der eigenen Auffassung, daran, wie man die Dinge sieht und was man von ihnen verlangt“, schrieb Wittgenstein. Österreich hat 1975 das international vielbewunderte Haus in Wien, das der Philosoph für seine Schwester baute, an Bulgarien verkauft. Das war schon schändlich genug. Vielleicht ergibt sich nun eine winzige Wiedergutmachung, eine kulturelle Rehabilitation. Des Landes, nicht des Philosophen.

Erschienen im Presse Spectrum