Teufelszwirn und Hühnerflucht

18.01.2014,
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In unregelmäßigen Abständen sehe ich mich gezwungen, auf allen Vieren durch Gestrüpp zu kriechen. Das sind die Tage, an denen die Hühner ausgekommen sind. Irgendwo haben sie ein Loch im Zaun gefunden und sind der Reihe nach entwichen, um draußen in der weichen herrlichen Gemüsegartenerde Löcher zu scharren. Oder in den säuberlichen Blumenbeeten der Nachbarin. Besonders gerne machen sie sich auch über des Nachbarn frisch durchgeworfene Komposthäufen her. Die werfen sie erfreut auf der Suche nach Engerlingen und Würmern gleich noch einmal durch, indem sie die aufgetürmte Krume scharrend über viele Quadratmeter verteilen.

 

Die Nachbarn schätzen zwar die Eier dieser Hühner, nicht aber ihre Angewohnheit, alles, was nicht zumindest einen Viertelmeter tief wurzelt, auszukratzen, anzupicken und, während die Damen gackernd zum nächsten botanischen Opfer übergehen, seinem entwurzelten Untergang  preiszugeben. Der warme Winter kommt den Hühnern entgegen. Sie sind unternehmungslustig. Kein Schnee bremst sie. Kein Frost verhärtet den Boden. Die paar hundert Quadratmeter, die ihnen großzügig zur Verfügung stehen, reichen ihnen nicht. Die Engerlinge sind fetter auf der anderen Seite des Zaunes, was mich zurück zu den darin zu suchenden Löchern bringt.

Die tun sich auf magische Weise immer wieder auf. Den Zaun muss man sich als Gitter vorstellen, das, weil wenig ansehnlich, von allerlei Sträuchern und hohen Ziergräsern über- und durchwuchert wird. Durch diese Vegetation zu kriechen ist eben die Aufgabe, und dabei zeichnet sich ein Zaungewächs als besonders undurchdringlich aus. Es wird im Volksmund Teufels- oder Hexenzwirn genannt, und wer jemals auf der Suche nach Löchern in Hühnerzäunen durch Teufelszwirngestrüpp kroch, findet diese Bezeichnung passender als jene, unter der die Pflanze seit einigen Jahren als Heilmittel für so gut wie alles, bis hin zum vorzeitigen Tod Unter-Hundertjähriger gepriesen wird: Die Goji, auch Chinesische Wolfsbeere genannt.

 

Die ist nicht so exotisch, wie man in Reformhäusern und Naschmärkten, wo man getrocknete Goji-Beeren um ungeheuerliche Summen kaufen kann, weismachen will. Die vermeintliche Chinesin ist der Gemeine Bocksdorn Lycium barbarum. Die in China beheimatete Goji Lycium chinense unterscheidet sich laut molekularbiologischen Untersuchungen nur unwesentlich vom hierzulande heimischen Bocksdorn. Fest steht jedoch, dass gewisse Auslesen zu Sorten geführt haben, die etwas süßere, größere Früchte liefern.

Für Nicht-Hühner....

Wenn Sie Gojis ernten wollen, brauchen Sie eine sonnige Stelle und am besten ein Gerüst, an dem Sie die extrem langen Triebe ziehen können wie Brombeeren oder Weinstöcke. So machen das jedenfalls die Profis. Es geht natürlich auch wilder, aber dann werden die Teufelszwirne gerne zum unübersichtlichen Gestrüpp. So wie bei mir.

 

Die Bocksdorne sind quasi nicht umzubringen. Sie sind frosttauglich bis minus 25 Grad, blühen ab Juni wochenlang hübsch lila und liefern ebenso wochenlang Früchte ab Spätsommer. Frisch schmecken sie (mir) nicht gut, erst getrocknet entfalten sie ihr Aroma. In China bereitet man aus den Blättern übrigens auch Salate und Tees.

Zwei von ihnen besorgte ich mir vor drei Jahren und pflanzte sie, wie es sich laut gärtnerischer Gebrauchsanweisung für Gojis gehört, an vollsonniger, nicht zu feuchter Stelle ein. Ein Jahr darbten sie. Im Jahr darauf begannen sie auszutreiben. Im dritten Jahr trugen sie erstmals die charakteristischen korallenroten Früchte, die wie Perlen in regemäßiger Kette an den langen Bocksdornruten hängen. Der Geschmack: Naja. Es waren noch zu wenige, um einen Trockendurchgang in Erwägung zu ziehen. Denn Gojis sollte man ja eigentlich dörren. Der Rest wurde an einem stürmischen Spätsommertag vom Wind abgebeutelt und von den Hühnern gefressen. Vielleicht sind sie deshalb so vital.

 

Jetzt, ein paar Monate später, offenbarte sich beim Suchen des Hühnerdurchschlupfs, dass die Gojis nicht nur gut angewachsen sind, sondern sich auch kräftig vermehrt haben. Denn in der Goji-Gebrauchsanleitung steht eigentlich auch drinnen, dass diese meterlangen biegsamen Ruten gestutzt werden müssen. Selbst der kultivierteste Hexenzwirn will sich mittels so genannter Absenker ausbreiten: Äste, die den Boden berühren, wurzeln an und bilden neue Pflanzen. Da die Goji jedoch vorzugsweise am zweijährigen Holz trägt und ich aus eigner Ernte über Hundert werden will, wofür ziemlich viele Gojibeeren vonnöten sein dürften, habe ich diesen empfohlenen Rückschnitt nicht vorgenommen. Das Ergebnis ist eben dieses Gestrüpp.

 

Fazit: Wer Gojis pflanzen will, braucht Platz, auch wenn der bis zu drei Meter hohe Strauch regelmäßig geschnitten wird. Ob man all den Wunderbotschaften nun Glauben schenkt oder nicht: Gojibeeren gelten als „Superfood“. Sie sollen über ein exorbitantes „antioxidatives Potential“ verfügen, sowie reichlich Vitamine und Mineralstoffe und anderes Wohltätiges in sich tragen. Als Hühnerzaun eignen sie sich erwiesenermaßen jedoch nicht. Fragen Sie dazu nicht Ihren Arzt oder Apotheker, sondern mich.

Erschienen in der Presse