Von der Liebe zum Moloch

31.01.2014,
  • /
  • schreibt



Er ist Katalane und mit der listigen Selbstsicherheit eines FC-Barcelona-Kickers ausgestattet:
Allerdings ist Joan Clos kein Fußballer, dafür war er neun Jahre Bürgermeister der Stadt, einer der bestfunktionierenden und schönsten der Welt. Barcelona hat sich in den vergangenen 25 Jahren neu erfunden, der kommerzielle Erfolg als wichtigstes Power-Zentrum Spaniens gibt den infrastrukturellen und architektonischen Interventionen der Stadtväter der vergangenen Dekaden recht. Jeder Platz ist eine Augenweide, jeder Mistkübel Design, knapp fünf Millionen Menschen leben und arbeiten im Großraum Barcelona, das System Stadt funktioniert wie eine geölte Maschinerie. Barcelona ist eine der großen Städte, die vorzeigen, wie es geht.

Jetzt hat Clos die eleganten Lederschlüpfer gegen Gummistiefel getauscht und besichtigt Städte, die vorführen, wie es nicht geht: Seit Herbst 2010 ist er Chef des United Nations Human Settlements Programme, kurz UN-Habitat, mit Hauptsitz in Nairobi. Gleich neben seinem neuen Amtssitz liegt eine der schlimmsten Siedlungen des Erdenrunds: Im Stadtteil Kibera lebt eine halbe Million Menschen ohne Kanalisation, ohne Fließwasser, ohne einen einzigen Arzt, ohne Hoffnung auf eine bessere, menschenwürdige Zukunft. Die Menschen hier kippen ihre Fäkalien in Plastiksäcke und reichen sie über die Dächer weiter bis an den Rand des Hüttenmeers, um nicht im eigenen Dreck zu ersticken. Man müsse sich nur kurz umschauen, sagt Clos in einem Englisch, das klingt, als ob einer Karotten raspelt, und man würde verstehen, dass es schwierig sei, solche Konstruktionen überhaupt Stadt zu nennen. 70 Prozent der Bewohner afrikanischer Städte leben in Slums. In den kommenden 15 Jahren wird sich die urbane Bevölkerung Afrikas verdoppeln. Was das bedeutet, sollten wir uns besser jetzt schon klarmachen, sagt Clos.

Warum das so ist, beschreibt der Autor und Mumbaikan Suketu Mehta in seinem Essay für das nach „The Endless City“ (Phaidon 2007) zweite von Urban Age herausgegebene Buch, „Living in the Endless City“, das 2011 in London präsentiert wurde. Mehta: „Mumbai ist ein Ort, an dem es egal ist, welcher Kaste du angehörst, ein Ort, an dem eine Frau allein in einem Restaurant zu Abend essen kann, ohne belästigt zu werden, und wo man sich die Person, die man heiraten will, selbst aussuchen kann. Für einen jungen Menschen in einem indischen Dorf ist Mumbai nicht nur ein Ort, an dem man Geld verdienen kann, sondern auch einer, an dem man frei ist.“ Mumbai sei wie ein „goldener Vogel“, hat ein alter Mann Mehta erklärt: „Versuch ihn zu fangen. Er ist schnell und listig, und du musst sehr hart arbeiten, willst du ihn fassen, doch wenn du ihn in der Hand hältst, tun sich ungeahnte Möglichkeiten für dich auf.“

LSE-Professor Ricky Burdett hat das Urban-Age-Programm ins Leben gerufen und mit der Deutschen Bank einen mächtigen Finanzier an Land gezogen. Er selbst ist in Rom aufgewachsen, wo jeder Ziegel Geschichte atmet und wo Leute wie Michelangelo Städtebau betrieben haben. Die Umstände prägen den Menschen. Burdett lebt jetzt zwar in London, fährt aber immer noch mit der Vespa ins Büro. Nach sieben Jahren intensiver Auseinandersetzung mit so unterschiedlichen Metropolen wie São Paulo, Mumbai, Mexico City, Johannesburg, New York City kommt er unter anderem zu dem ernüchternden Schluss: „Weltweit zeigt sich in schmerzlicher Weise eine deutliche Entwicklung: Die Reichen verschanzen sich zunehmend hinter Betonmauern in hermetisch abgeschotteten Vierteln, was eine vorgestrige und sozial brisante Entwicklung darstellt.

 

Es gibt eine berühmte Luftaufnahme, die einen Stadtausschnitt von São Paulo zeigt. Rechts im Bild: eine vielgeschoßige Wohnhausanlage, auf jedem Balkon ein privater Swimmingpool für die betuchte Klientel. In der Mitte: eine hohe Mauer samt Stacheldraht. Links im Bild: Hütten dicht an dicht, ungepflasterte Wege und Straßen. Bilder wie dieses, sagt Burdett, könne man mittlerweile überall auf der Welt aufnehmen. Leuten wie Enrique Penalosa missfallen derartige Bilder der Ausgrenzung ganz besonders. Bilder wie dieses, sagt er, sind der „Beweis für einen Mangel an Demokratie“. Slums, ungepflasterte Straßen und von Autos zugeparkte Gehsteige demonstrieren für ihn das Unvermögen von Stadtregierungen, das Zusammenleben vieler Menschen unterschiedlicher Einkommensschichten gerecht zu regeln. Der Kolumbianer selbst schaut aus wie George Clooney, aber sein Geschäft ist es nicht, den Menschen etwas vorzumachen. Als er in den 1990er-Jahren für das Amt des Bürgermeisters von Bogotá kandidierte, machte er dem Wählervolk von vornherein klar, wofür er antrat: für eine Demokratisierung des Stadtraums. Zweimal scheiterte er, beim dritten Anlauf setzte er sich durch und nahm die Rückgabe des öffentlichen Raumes an die Bewohner Bogotás in Angriff. Penalosa erklärte, so drückt er das aus, den Automassen auf den Straßen und auf den Gehsteigen den Krieg.