Wenn kleine Drachen erwachen

28.04.2012, gepostet von Ute Woltron,
  • /
  • gräbt

Bambus: Wenn er einmal anfängt, zu wuchern, kann ihn nur noch wenig aufhalten. Die Rhizome bildenden unter den prächtigen Groß-Gräsern müssen im Zaum gehalten werden.

 

 

Wie bereits erwähnt, bewegen sich Gärtner und Gärtnerinnen derzeit vorwiegend kriechend oder zumindest gebückt durch ihre Anlagen, sodass allerorten Hintern zwischen Sträuchern und Stauden zu lustwandeln scheinen. Diese Gebeugten sind auf der Suche nach Anzeichen des Wachstums knapp über der Erdoberfläche, sie halten zwischen den letzten dürren Strünken des Vorjahres Ausschau nach neuem Grün. Natürlich sind sie besorgt, denn der Winter war kalt. Frost hat so manches ums Eck gebracht. Jetzt werden die letzten Schäden offenbar. Was in den kommenden ein, zwei Wochen immer noch nicht ausgetrieben hat, könnte als endgültig von uns gegangen betrachtet werden.

 

Während die Nachbarin auf der einen Seite Sorge um den erst im Vorjahr geschenkt bekommenen, jedoch noch nicht wieder aufgetauchten Sumpf- oder Staudeneibisch trägt, plagen den Nachbarn auf der anderen Seite ganz andere Sorgen. Über mehrere Jahre hinweg hatte der sich an einem zierlichen Bambus ergötzt. In die Bambuspflege nicht involvierte Betrachter deuchte der zwar etwas mickrig, aber in solchen Fällen schweigt man lieber. Denn alle, die mit Bambusgewächsen Erfahrung gesammelt haben, denken: Besser, er bleibt so klein und unschuldig, wie er ist. Reden wir lieber nicht von Düngung oder Ähnlichem. Wollen wir auf keinen Fall den schlafenden Drachen wecken, der in dieser Pflanze stecken könnte. Lassen wir dem Nachbarn seine Freude am Winzling.

Die Bangigkeit hat folgenden Grund: Das asiatische Gewächs wurde ohne Rhizom- und Wurzelsperre in gefährlicher Nähe von Steinmauern und befestigten Terrassenflächen eingesetzt. Der Nachbar hatte alljährlich die wenigen neuen Bambussprossen freudig begrüßt und jenen Teilen der Familie, die auf fernöstliche Küche und damit auch auf in Sojasauce gebadete Bambussprossen steht, unter Androhung ärgster Bestrafung eine Verkostung der knackigen Triebe untersagt. Damit ist jetzt Schluss.

 

Was auch immer den Drachen erweckt hat, plötzlich ist er putzmunter. Der Bambus sei entartet, berichtete der Nachbar in einer der wenigen Kaffeepausen, die man sich dieser Tage zwischen Tomateneinsetzen und Pelargonienumtopfen gönnt. Er treibe aus, vielfach und an ungeahnten Stellen. Nur nicht dort, wo er eigentlich sollte. Mitten im Rasen würden die Bambustriebe mit einer unglaublichen Kraft und Geschwindigkeit aus der Erde schießen. Der Mutterstrunk verweile derweilen im Zentrum des beängstigenden Geschehens in gewohnter gilblicher Zierlichkeit. Gleich begaben wir uns in Nachbars Garten und streckten gemeinsam in die Betrachtung der tatsächlich erstaunlich kräftigen Triebe versunken die Hintern in die Höhe. Der Bambusbesitzer brach einen davon ab, schälte ihn, steckte ihn in den Mund und befand ihn für gut. Wir taten es ihm gleich. Nicht schlecht! Die Familie darf ab sofort ernten. Sie hat reichlich Gelegenheit dazu, denn der Bambus wächst gute zwanzig Zentimeter über Nacht. Was allerdings sonst noch zu tun ist, kann keiner so recht sagen. Das Beste wird sein, eine zumindest 70 Zentimeter tiefe Bambussperre einzugraben. Diese sollte nicht aus dem üblichen Polypropylen bestehen, denn die Bambusrhizome durchdringen selbst dieses Material. Sie graben sich durch härteste Gesteine, dringen in jede Ritze, sprengen Beton und Mauern und haben schon so manchen Dachgartenbesitzer um den halben Verstand und meistens viel Geld gebracht, wenn ein ausgekommener Bambus im Zeitlupentempo unaufhaltsam ganze Geschoßdecken aushebelte und Dachlandschaften undicht machte.

 

Während der Nachbar in den nächstgelegenen Grün-Fachmarkt eilte, begaben wir uns zu jener Stelle im Nachbarinnengarten, an der eigentlich der Sumpfeibisch erste Blätter treiben sollte. Wieder die Hintern in die Höhe: Nichts.  Wir hielten Rat und beschlossen, mit der ursprünglichen Sumpfeibischquelle und –kennerin zu telefonieren. Ist er hinüber oder nicht? Zahlt es sich aus, auf dieses Prachtgewächs mit den desserttassengroßen Blüten zu warten? Die meinte, wir seien bereits die Fünften, die bei ihr anriefen, um sich diesbezüglich schlau zu machen. Der Rat laute: Warten. In besonders warmen Gegenden tauchen gerade die ersten Sprossen auf. Des einen Freud, des anderen Leid. Wenn der Frühling nicht ein Stress ist, dann weiß ich es nicht.

Rhizomsperre

Die Materialwahl der Rhizomsperre heißt HDPE, was einen extrem widerstandsfähigen, zähen Kunststoff bezeichnet. Herkömmliche Wurzelsperren sind im Falle der wuchernden Bambusarten ein Risiko, das Sie besser nicht eingehen sollten. Die Verbindungen zwischen den Bahnen muss lückenlos, also überlappend sein.  Alle außenliegenden Rhizome gehören ausgegraben. Jedes noch so kleine Stück wird wieder austreiben.