Wie man Pflanzen verblödet

14.02.2016,
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„Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern“, sagte Konrad Adenauer. Der hatte leicht reden - er lebte in der kommunikativen Steinzeit vor der Erfindung von Internet und Sozialen Netzwerken. Manch Politiker dürfte sich dieser Tage dorthin zurückwünschen, wenn die Versprechen und vollmundigen Behauptungen und die später ach so oft nachgewiesenen Unwahrheiten der Vergangenheit hervorgekramt und mit aktuellen Aussprüchen verglichen werden. Die Abgründe dazwischen verlieren sich in schauerlich bläulichen Tiefen, und erst die die nächsten Nationalratswahlen werden diese ausloten.


Befassen wir uns also heute lieber mit unverfänglicheren Behauptungen und deren Wahrheitsgehalt. So geistert zum Beispiel seit einiger Zeit der Begriff „Komposttee“ durch die Szene botanisch und agrarisch Interessierter. Komposttee? Was soll das denn sein, ist man versucht gleich zu schwätzen? Die Teebeutel dazu gibt es jedenfalls im gut sortierten Gartenhandel. Laut Informationsbeilage soll zur Herstellung ein Aufgussbeutel in die Gießkanne gehängt und der so gewonnene Auszug nach einigen Stunden zu den Pflanzen gegossen werden.


Wer mit höchst konzentrierten, stinkenden und schäumenden Pflanzenjauchen aufgewachsen ist, mit dampfenden Mist- und Komposthäufen, der ist zuallererst versucht, dieser dünnen Suppe mit einer gewissen Skepsis gegenüberzustehen. Wozu soll so ein mageres Teewässerchen denn gut sein, fragt man sich, wenn man das Konzentrat im fetten feinkrümeligen Kompost, regelmäßig auf die Beete aufgetragen und ein paar Zentimeter mittels Rechen eingearbeitet, bereits als beste Lösung gefunden hat? Nie wieder verwendet derjenige zum Beispiel so etwas wie Industriedünger, der seinen von Mineraldüngern versalzenen, regenwurmlosen Boden einmal mittels organischen Düngers wieder in Ordnung gebracht hat.


Was aber kann Komposttee zur Verbesserung und Pflanzenstärkung im Garten oder Blumentopf beitragen, fragt man sich, und sicherheitshalber tut man das auch, bevor nicht überprüfte und damit dumme Behauptungen aufgestellt werden - was ja gefährlicherweise höher denn je in Mode zu stehen scheint. Nicht nur an den Stammtischen der Politik.


Einer dieser Profis ist Herr Alfred Grand. Der Niederösterreicher ist für seinen Wurmhumus über die Grenzen hinweg berühmt, denn der Wurm steht tatsächlich am Anfang. Durch seine segensreichen Verdauungsorgane wandern Grünschnitt, Mist und andere organische Substanzen, und werden von den inneren Prozessen der Lumbricidae zum besten aller Düngerstoffe veredelt, nämlich zu Regenwurmkot. Das passiert in einer Kompostwurmfarm in konzentrierter Form, doch auch in jedem gut bewirtschafteten und gemulchten Garten und auf den Feldern der Biobauern verdauen Regenwürmer aller Art organische Materialien ohne Unterlass, lockern und belüften den Boden und düngen ihn.


Da Alfred Grand nicht nur hervorragende Wurmkomposte, Wurmdünger, Wurmerden und andere Spezialitäten herstellt, sondern auch Komposttees, konnte er erfreulich präzise über die Wirkungsweise des vermeintlichen Auszugs Auskunft geben. Das Prinzip funktioniert folgendermaßen: Zuallererst kommt der Kompost ins Wasser, das, wenn geht, Regenwasser ist und nicht zu kalt sein sollte. Idealerweise ist es etwa 22 Grad warm. Augenblicklich beginnen sich die im Kompost in extremem Artenreichtum vorhandenen Mikroorganismen zu vermehren, was man mit gelegentlichem heftigem Rühren durchaus begleiten kann. Sauerstoff im Wasser tut ihnen gut, und nach einigen Stunden sind sie, unsichtbar zwar, doch wirkungsvoll, explodiert wie die Hefepilze im Germdampfl.


Auf eben diese Miniaturlebewesen, von denen es mehrere Milliarden pro Handvoll gesundem Humus gibt, kommt es an. Neben den Würmern und anderen Erdbewohnern sind sie maßgeblich daran beteiligt, die im Boden vorhandenen, von den Pflanzen benötigten Nährstoffe für diese in brauchbarer Form aufzuschlüsseln. Die backen sozusagen ununterbrochen die Brötchen für das Grünzeug. Mit Mikroorganismen düngt man also über die Bande, und das dauerhafter und um unendlich vieles umweltschonender als mit chemisch-mineralischen Präparaten.


Letztere wirken wie eine, alle anderen Nahrungsquellen rundum vernichtende Droge, die Abhängigkeit schafft und ständig nachgefüttert werden muss. Denn der Chemiedünger wäscht sich zum einen sehr schnell aus dem Boden aus, meistens ins Grundwasser. Zum anderen verblödet er die Pflanze. Die pfeift auf die Kommunikation zwischen ihren Wurzeln und den Bodenorganismen und hungert, sobald keine Chemiedroge vorhanden ist, weil es blöderweise keine Brötchenbäcker mehr gibt.


Eigentlich könnte man hier gleich wieder Parallelen zu anderen Gemeinschaften ziehen, doch folgendes Zitat von Mahatma Gandhi erscheint an dieser Stelle passender: „Wer vergisst, wie die Erde beackert und das Feld bestellt wird, vergisst sich selbst.“

Erschienen in der Presse

Würmer, Böden, Bücher

Regenwürmer. Ohne sie gäbe es die Vegetation nicht. Der Wurm ist einer der größten Segen der Evolution. Das sagte bereits Charles Darwin, der dem Regenwurm sein letztes Werk widmete.

 

Kompostwurm. Das ist der mit höchstens neun Zentimeter Länge eher kleine, rötliche, dünne und spitz zulaufende Eisenia fetida. Den wollen Sie im Komposthaufen zuhauf haben, und entsprechend füttern. Er liebt übrigens u.a. insbesondere Kaffeesud.

 

Wurmdünger. Den können Sie selbst im Komposthaufen oder in einer Wurmbox herstellen, sowie in reiner Form, als abgemischte Erde oder Pellets kaufen. Zum Beispiel hier: Vermigrand

 

Buch: Biodünger selber machen. Von Biogartenexpertin Andrea Heistinger und Wurmhumusproduzent Alfred Grand. Wird Interessierte noch viel tiefer in die höchst spannende, und mit Sicherheit auch die Zukunft der Landwirtschaft betreffende Materie einführen. Die Publikation über Regenwurmhumus, Gründüngung und Kompost ist demzufolge nicht nur für uns Grünfinger, sondern auch für alle am Bodenleben und an Bioproduktion Interessierten empfehlenswert. Verlag Löwenzahn, € 19,90