Wir sind die Raupen von Engeln

11.12.2014,
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Foto: Marc Riboud

Bevor er sich dann endgültig verpuppen werde, bemerkte Vladimir Nabokov nur ein paar Jahre vor seinem Tod, am 7. Juli 1977, einem Reporter gegenüber, wolle er noch einmal in Peru oder im Iran Schmetterlinge sammeln. Er hielt damals im Spätsommer seiner Existenz. Die entscheidenden Metamorphosen seines Daseins hatte er bereits durchlaufen, und diejenige, die ihm als Schriftsteller Ruhm und internationale Anerkennung brachte, hatte am längsten gedauert. Fast so lang, wie sein gesamtes Leben, das er, von äußeren Misslichkeiten wie häufiger Armut und chronischer Erfolglosigkeit stets unbeirrt, mit dem Jagen und Sammeln ausgefallener Falter und mit dem Schreiben präzise formulierter, hochkompliziert konzipierter Romane verbracht hatte.

 

Er ist keiner Schule, keiner Richtung, keiner Lehre zuzuordnen. Er gilt als einer der großen literarischen Einzelgänger dieses Jahrhunderts, und er machte nie ein Hehl daraus, dass er selbst ebenfalls ungeteilt dieser Ansicht war. Dadurch erweckte er bei seinem Gegenüber oft den Eindruck größter Arroganz, was ihm egal war. Er selbst ließ nur eine einzige Schule gelten, nämlich die der Könner.
 

Nabokov ist der Dichter, den jeder mit Namen kennt, den aber nur wenige tatsächlich gelesen haben. An beidem, am schließlich doch so hohen Bekanntheitsgrad und auch an der Ignoranz seinem umfangreichen Werk gegenüber, ist eine kleine, goldbeflaumte, nur scheinbar arglose Göre schuld: "Lolita. Licht meines Lebens, Feuer meiner Lenden. Meine Sünde, meine Seele. Lo-li-ta: Die Zungenspitze macht drei Sprünge den Gaumen hinab und tippt bei Drei gegen die Zähne. Lo. Li. Ta."

Der Roman um die erotische Beziehung des mittelalterlichen Humbert Humbert zum zwölfjährigen Mädchenkind Lolita wird zwar in keiner Zeile schlüpfrig, und wer sich pornographische Literatur erwartet, der wird von der Lektüre enttäuscht sein. Doch schon allein wegen des empörenden vermeintlichen alter-Mann-stellt-kleinem-Mädchen-nach-Themas war er Ende der 1950er Jahre Kristallisationspunkt moralischer Erregung und ließ auf beiden Seiten des Atlantik die Wellen der Entrüstung hochschlagen.


"Lolita ist berühmt, nicht ich. Ich bin ein obskurer Schriftsteller mit einem unaussprechlichen Namen."

 

Bis heute stigmatisiert die freche kleine Lolita ihren Schöpfer und sein gesamtes Werk, sie verhalf ihm zum plötzlichen Durchbruch und machte ihn gleichzeitig unmöglich. Der Roman, ein fein gewebtes, vielschichtiges psychologisches Kunstwerk und somit das Gegenteil seines Lüstlingslektüre-Images, ist sozusagen ein rarer Fall literarischer Mimikry.

 

Der Skandal um das Buch, das 1955 in einem französischen Schmuddelverlag vorerst unbemerkt erschien, da es in Amerika niemand druckte, weil man sich nicht der Verbreitung von Pornographie schuldig machen wollte, das später im Londoner Parlament debattiert und zum Präzedenzfall des Zensurgesetzes wurde (Urteil: Keine Pornographie, sondern doch Literatur), machte den Exilrussen binnen weniger Monate zur Weltberühmtheit und zum reichen Mann.

Graham Greene hatte den Roman entdeckt, äußerst wohlwollend rezensiert und damit den Skandal losgetreten. Vladimir Nabokov ließ sich derweilen von seiner Frau und lebenslangen Muse Véra quer durch Amerikas weite Lande chauffieren, stets auf der Jagd nach seltenen, bestenfalls noch unentdeckten Schmetterlingen, denen er dann seinen Namen geben würde, wie jener Bläulingsabart, die er nach vier Jahrzehnten des Suchens als erster beschrieben hatte. "Vielleicht rangiert er nicht hoch genug, um einen eigenen Namen zu verdienen", schrieb er zärtlich über seine Kreatur, "Doch was immer er auch ist - eine in Entstehung begriffene neue Art, ein frappierender Scherz, eine zufällige Kreuzung - er bleibt eine große und entzückende Seltenheit."

 

Der falterjagende Schriftsteller hatte sich zum Zeitpunkt des Lolita-Wirbels im Kreis der Lepidopterologen als Fachmann für gewisse nordamerikanische Schmetterlingsarten etabliert. Er lebte in kommerziell mäßigen Verhältnissen, war bereits an die 60 Jahre alt und hielt Vorlesungen über Literatur an der Cornell University. So nebenbei hatte er elf Romane, darunter Spitzenfingerübungen wie Die Gabe, Das wahre Leben des Sebastian Knight und Lushins Verteidigung, diverse Jugendgedichte und zahlreiche Erzählungen veröffentlicht. Lolita, bemerkte er 1959 in einem Brief an seine Schwester, hat einen wahnsinnigen Erfolg. Aber das alles hätte vor dreißig Jahren passieren sollen.

 

Dreißig Jahre zuvor lebte Nabokov als bettelarmer Emigrant in Berlin und hielt sich und seine Familie mit Nachhilfestunden gerade am Leben. Noch dreißig Jahre früher, am 23. April des Jahres 1899, war er als ältester Sohn in die sammetverbrämte Wiege einer schwerreichen St. Petersburger Adelsfamilie geboren worden.Im autobiographischen Werk "Erinnerung, sprich" zeichnet der Schriftsteller ein halbes Jahrhundert später mit bestechender Detailliebe diesen ungetrübten Prachtfrühling seines Lebens nach. Er erinnert sich darin sozusagen an das Räupchendasein des jungen, wohlbehüteten Nabokov, der sich im Mikrokosmos seiner Familie mit den Impressionen, Abenteuern und Wahrnehmungen vollfraß, die er später in die komplizierten Kokons seiner Geschichten spinnen würde.

 

Nabokov beschreibt sich in seiner Autobiographie als seltsames Kind, das die Welt auf eine eigene Art wahrnahm. Er verfügte etwa über die Gabe, jeden Buchstaben in einer anderen Farbe zu sehen, gelegentlich hatte er hellseherische Anwandlungen und bis zu einem bestimmten Alter unerklärliche rechnerische Fähigkeiten. Ausgesuchte französische und englische Gouvernanten und Hauslehrer umpämperten den Aristokratensohn, so dass er dreisprachig aufwuchs.

 

Ihre Sommer verbrachten die Nabokovs zwei Pferdestunden von St. Petersburg auf dem Familiengut Wyra, der später ewig verlorenen Heimat Vladimirs. Im Alter von sechs Jahren nahmen ihn die Schmetterlinge im ausgedehnten Park rund um das Gutshaus gefangen. Künftig würde er in allen Etappen seines Lebens den bezaubernden Insekten unweigerlich nachstellen müssen: In Cambridge, wo er nach der Flucht vor der Russischen Revolution im Jahr 1917 englische und französische Literatur und Zoologie studierte. In den Wäldern in und um Berlin, wo sich der ehemalige Millionärssohn als Emigrantenliterat und Nachhilfelehrer kärglich bis 1935 durchschlug. In Frankreich, wohin er mit seiner russisch-jüdischen Frau Véra vor den Nationalsozialisten geflohen war. Und schließlich in Amerika, wo er als Literaturprofessor und Schmetterlingswissenschaftler Zuflucht in den stillen Hörsälen und Bibliotheken diverser Universitäten fand.

Mit der Übersiedlung nach Amerika im Jahr 1940 ließ der Großbürger und Adelige Vladimir Nabokov nicht nur die Alte Welt und Heimat hinter sich, es schlüpfte zugleich auch ein neuer Schriftsteller Nabokov. Ab dem Zeitpunkt, als er mit Sohn und Frau die Champlain betrat, um Richtung Westen zu schippern, schrieb er nur noch in englischer Sprache und ließ sein Pseudonym Sirin hinter sich zurück, mit dem er zwar in Emigrantenkreisen zum Begriff geworden war, die Weltliteratur allerdings nicht wie erhofft erobert hatte.

 

Im Alter von 41 Jahren mutierte er zum überzeugten Amerikaner, unterrichtete während des Jahres, die Sommer verbrachte er in Motels, auf Freeways und mit dem Falternetz. Er gewöhnte sich das Rauchen ab, nahm daraufhin 30 Kilo zu, arbeitete für verschiedene Schmetterlingssammlungen und schrieb eine wissenschaftliche Abhandlung über Mimikry. "Meine Freuden", behauptete er, "sind die intensivsten, die der Mensch kennt: Schmetterlingsjagd und Schreiben."

 

Wissenschaftliches Arbeiten erfordert höchste Präzision, und so penibel, wie Nabokov die Genitalien seiner Flugobjekte präparierte, so genau arbeitete er auch als Schriftsteller. Seine Romane sind bis in das kleinste Detail durchkomponiert und so vielschichtig gewebt, dass sie dem Leser größte Aufmerksamkeit abverlangen, will er wirklich alle Bezüge, Symbole, versteckten Geheimzeichen, Verschlüsselungen verstehen. Weniger Aufmerksamen mag allein die unübertroffene Formulierkunst schon Genuss genug sein.

 

Der Lolita-Erfolg hatte Nabokov am Ende seines Lebens wieder reich gemacht. Er verließ 1961 seinen amerikanischen Universitätsunterschlupf und kehrte mit Véra nach Europa zurück. Sie mieteten sich in eine Acht-Zimmer-Suite im feudalen, altmodischen Palace Hotel in Montreux ein und blieben dort von Dienstboten umsorgte Hausgäste bis zu Nabokovs Tod. Der Schriftsteller war sozusagen wieder in den Reichtum und in die Atmosphäre seiner Kindheit eingetaucht, der größte Lebenskreis war damit vollendet.

 

Spät aber doch konnte er sein Gesamtwerk vor der Welt entfalten wie ein frisch geschlüpfter Schmetterling die Farbenpracht seiner Flügel. Doch Raupe und Falter sind dieselbe Kreatur in unterschiedlicher Erscheinungsform, und Nabokov war bereits Nabokov, lange bevor ihn die Öffentlichkeit entdeckte. An dieser Metamorphose war er ausnahmsweise unbeteiligt. Die mussten die anderen durchmachen.