Wo der Zentralfriedhof ganz still ist

25.10.2013,
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Zentralfriedhof. Tor eins. Drei luxuriöse freie Stunden an einem Nachmittag des späten Oktober. Der ist in diesem Moment so golden, wie es sich gehört. Die Nebel sind aufgestiegen, die Sonne spielt mit dem Herbstlaub. Mir war weder nach Kaffeehaus noch nach Einkaufsstraße. Auch nicht nach Park oder Museum. Mir fiel ein, was sie unlängst im Radio gesagt hatten: Die jüdischen Friedhöfe Wiens sollen restauriert werden. Die Stadt wird ihren Beitrag leisten. Sie hat Geld versprochen. Ich fahre zum Zentralfriedhof. Mir ist bang. Es ist verständlich, dass die Kultusgemeinde die Friedhöfe in einen würdigen Zustand versetzt sehen will. Doch wie wird das auf diesem riesigen Areal bewerkstelligt werden? Wird man sich darauf beschränken, Bäume zu fällen, Gras zu schneiden, Efeu von den uralten Grabsteinen zu entfernen? Wie wird der Friedhof nachher ausschauen?

Gleich hinter dem Tor sieht man Baustellencontainer unter sehr alten Bäumen. Solche, in denen Poliere und Ingenieure ihre Büros haben. Vielleicht fangen sie schon an, denke ich. Menschen eilen mit Kränzen und Blumen nach links, dorthin, wo die Kreuze sind. Allerheiligen steht bevor. Die Gräber müssen in Ordnung gebracht werden. Was sollen denn die Nachbarn sagen! Ich gehe nach rechts, dorthin, wo es still ist. Ich suche ein bestimmtes Grab. Eine Gruft, um genau zu sein. Es ist jedes Mal schwierig, dieses Grab zu finden.