Wölfe, Ringelnattern und Hornissen

20.10.2013,
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Das Kind will einen Wolf. Oder, wenn das nicht geht, einen Tibetanischen Mastiff. Nur über meine Leiche, sage ich. Oder vielmehr, über die unserer Katze. Der Mensch, sagt der Wissenschaftler zu mir, suche sich die Tiere aus, die zu ihm passen. Ich überdenke meine pädagogischen Qualitäten. Der Wissenschaftler weiß, wovon er spricht, immerhin ist er Verhaltensforscher und zieht Wölfe mit dem Fläschchen groß. Der kennt sich aus. Gut, denke ich, das Kind ist noch nicht ausgewachsen, es wird seine Meinung noch ändern. Vor zwei Jahren wollte es unbedingt ein Chamäleon, noch früher Schlangen, am allerliebsten aber Komodowaraneier zum Ausbrüten. Ob ich die nicht irgendwie besorgen könne.

Geht nicht, meinte ich. Warum?, fragt das Kind erbost, du brütest ja auch Hühnerküken in deiner Brutmaschine aus! Zur Strafe geht es in den Garten und fängt eine Ringelnatter. Auf die können wir uns einigen. Die darf uns, mit zartem Fingerdruck gehalten, anzischen und mit ihren stinkenden Körpersubstanzen besudeln. Wir betrachten sie eine Weile, bewundern ihren fantastischen Körper, ihre seidig-glatte Unterseite, ihr schwarzes gespaltenes Zünglein, dann schlängelt sie sich wieder ins Unterholz oder in den Teich. Wenn wir sie fangen, ist es, als ob wir bei ihr zu Gast wären, nicht umgekehrt. Wir nennen sie die Nixe, weil sie dermaßen elegant zwischen den Seerosenblättern schwimmt, und weil sie so scheu ist. Die Momente, in denen wir die Nixe zu Gesicht bekommen, sind besondere. Manchmal, sehr selten, liegt sie vor dem Hauseingang und sonnt sich. Dann klettere ich durchs Fenster.

Einmal waren Bauarbeiter da. Die erschlugen eine schöne große Ringelnatter, die in der Baugrube gefangen war. Sie überreichten mir die tote Schlange stolz wie eine Trophäe und verstanden nicht, warum ich mich nicht bedankte, sondern traurig war. Das Kind wird niemals eine Schlange umbringen. Meine pädagogischen Qualitäten sind also doch nicht ganz in Zweifel zu ziehen, hoffe ich.