Zitrone. In Samt gepackt.

04.07.2015,
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Das Badekleid der Urgroßmutter war nachtblau und mit winzigen weißen Pünktchen übersät. Es endete nicht, wie unsere Badehosen, knapp unterm Hintern, sondern verlor sich schürzenhaft irgendwo weiter unten an ihren Oberschenkeln. Auf der anderen Seite wurde es von einem eindrucksvollen Busen solchermaßen in Richtung Firmament gehoben, dass der Uroma, wenn sie in der ihr üblichen und ihrem Alter angepassten Behäbigkeit ins Schwimmbecken stieg und ein paar Längen zog, eine träge, doch recht tiefe Bugwelle zu folgen pflegte.

Sie war ein stets willkommener Gast im wilden Sommergarten meiner Kindheit, denn erstens verbreitete sie eine solide matronenhafte Zufriedenheit. Zweitens brachte sie die besten Salzburger Nockerl und das zweitbeste Zitroneneis mit. Das meisterhafteste von allen machte allein die Großmutter, die vergleichsweise schmal und später selbst in einem Alter jenseits der 70 noch des eingesprungenen Spagats mächtig war.

Ihr Eis war einfach Weltklasse in den 1970er-Jahren. Sie schleppte es in einer pastellfarben gestreiften Kühltasche mit langen Henkeln über den Hügel heran, und die gesamte um das dort befindliche Schwimmbecken versammelte Dorfjugend hüpfte augenblicklich aus den schilfgrünen und von Wasserkäfern bewohnten Fluten und machte sich, in der Wiese und auf Bäumen sitzend, darüber her. Die Eislöffel, die sie mitgebracht hatte, waren vorne vornehm abgeflacht. Wir versenkten sie genießerisch und hatten das Gefühl, der Sommer würde ewig dauern, sein Ende wäre so weit weg wie das andere Ende der Welt, das ohnehin eher in der Zeit als in der Geografie verortet schien.

Nach welcher Rezeptur sie dieses vorzügliche Eis herstellte, ob sie eine eigene Maschine dafür besaß, wie sie es schaffte, praktisch jeden Sommertag den Hügel damit heraufzustapfen, weiß keiner mehr. Leider. Denn neben den normalen Zitronen gäbe es heute im selben Garten so viele andere Zitronenaromen für Eisveredelungen, dass das alte Rezept im Laufe des Sommers zahlreiche Varianten durchlaufen könnte.


Meine Großmutter, die alte Gartenhexe, wäre entzückt. Sie könnte den Zitronenaroma-Reigen mit der allseits beliebten Zitronenverbene beginnen, die es übrigens auch in einer orangig anmutenden Spielart gibt, welche ebenso wuchert. Sie könnte duftiges Zitronengraseis herstellen, was bereits versucht und für großartig befunden wurde. Sie würde die kräftigen, ledrigen Blätter der Kaffir- oder Makrut-Limette zwischen ihren schrundigen Gärtnerinnenfingern reiben und, erfreut über den Duft, möglicherweise eine raffinierte Kombination mit Himbeere andenken.

Sie würde angesichts der zierlichen, doch so stark parfümierten Blättchen der Zitronenmyrte vielleicht ihr ebenfalls unverschämt bekömmliches Pfirsicheis einer weiteren Veredelung unterziehen und einmal mehr das Schwimmbeckenpublikum mit dem Inhalt ihrer Pastelleistasche betören.

Vollends erliegen würde sie aber dem Australischen Zitronenblatt, das, wie eine, die es befühlen durfte, mit Ehrfurcht vermerkte, eine Art "haptisches Äquivalent zwischen dem luxuriösesten Brokatwams Ludwig des XIV. und den edelsten Cordhosen Oscar Wildes" darstellt. Samtiger Zitronenduft. Ein langer, heißer Sommer. Und das Beste: Wir stehen erst an seinem Anfang.

Erschienen in der Presse