Zweiter Frühling für alte Böcke

26.02.2016,
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Das erste Mal begegnete ich ihr in einem dieser atemberaubenden englischen Gärten, die jahrhundertealte steinerne Herrenhäuser umrahmen und das Lebenswerk mehrerer Generationen von Gärtnern und deren betuchten Auftraggebern darstellen. Das sind Parks, in deren Rosarien noch von der Urgroßtante - Gott-hab-sie-selig -  gezüchtete Rosensorten blühen, und wo historische botanische Mitbringsel, irgendwann irgendwo am anderen Ende des Empires eingepackt und im Koffer des Ururgroßvaters angereist, mittlerweile als dutzende Meter hohe Baumriesen aufragen.


Auch dieser Park war sehr alt, der Obergärtner gebeugt, die Dame des Hauses von untadeliger Haltung. Wie es sich gehört, wenn Touristengruppen die wenigen Stunden nutzen, in denen Teile des Hauses sowie des Gartens öffentlich zugänglich sind, trug sie in der Armbeuge einen dieser länglich-flachen Gartenkörbe, mit dem Blumenliebhaber, idealerweise Adelstöchter, in der heilen Welt einer Rosamunde Pilcher am frühen Morgen hinauswandeln, um Rosen für dickwandige Kristallvasen zu schneiden.


Unter den Bäumen hier wuchs jedoch nicht, wie hierzulande fast immer, stumpfes, trockenes Gras. Nein, dort bedeckten ganze Matten sehr zierlicher Gewächse den Waldboden. Wo sie wucherten, was es schattig und eher trocken, also eigentlich recht ungünstig für Pflanzen aller Art. Der reizende Bodendecker war etwa 30 Zentimeter hoch. Er wuchs so dicht, dass kein anderes Gewächs auch nur daran denken konnte, in das örtliche Geschehen einzugreifen, was mir ausgesprochen pflegeleicht und praktisch vorkam. Die Blätter waren spitz herzförmig, auffällig geädert und teils rötlich überhaucht. Sehr attraktiv.


Dann sank einer von uns plötzlich auf die Knie, als ob eine Marienerscheinung auf ihn herabgekommen wäre, und seufzte verzückt auf. Die Matte blühte auch noch. Kleine sternförmige Glöckchen hingen an verzweigten Ästchen. Sie waren weiß, rosa, lila, gelb, manche mehrfärbig. Ihre teils bizarren, spitzblättrigen Geometrien waren winzig, jedoch wert, vor ihnen niederzusinken und sie eingehend zu bestaunen.


Wie denn dieses reizende Gewächs heiße, fragten wir die Dame des Hauses. „Horny Goat Weed“ meinte sie leicht pikiert, doch sie würde den botanischen Namen Epimedium bevorzugen. Die wörtliche Übersetzung des Trivialnamens ist in der Tat recht bildhaft und erzeugt Visionen umtriebiger Ziegenböcke inmitten begeisterter Geissen, eine Art bacchanalische Pastorale mit von Emotionen aufgewühlten Huftieren. Weitere einfallsreiche Namen sind Randy Beef Grass und Rowdy Lamb Herb. Man kann die Hirtenbilder also auch noch um desgleichen zügellose Kuh- und Schafherden erweitern.


Hierzulande heißt die Staude weit züchtiger Elfenblume. Wie sie zu ihrem britischen Namen kam, ist schnell erklärt und reicht bis in das alte China zurück, von wo man die ersten exotischen Varianten der Blume bereits im 18. Jahrhundert nach Großbritannien geholt hatte: In der traditionellen chinesischen Medizin gilt die Elfenblume seit zumindest zwei Jahrtausenden als Aphrodisiakum Nummer Eins. Die Legende erzählt, dass Schaf- und Ziegenhirten ihre Herde nicht mehr wiedererkannten, nachdem sie an wild wachsendem Epimedium genascht hatten. Selbst die ältesten Böcke und gebrechlichsten Geissen sollen mehreren schriftlichen Überlieferungen zufolge einen zweiten Frühling erlebt haben, und was für das Vieh gut ist, so dachten die alten Chinesen offenbar, sei für den Menschen ebenfalls in Ordnung.


Hierzulande wurde die Probe, soweit ich weiß, nicht aufs Exempel gemacht. Man ergötzte sich vielmehr lediglich an der Blüte dieser Pflanze, sowie an ihrer dankenswerten Eigenschaft, schattige, trockne Areale in Windeseile zu überwuchern und dauerhaft zu verschönern. Wer also einen unkomplizierten und dazu sehr attraktiven Bodendecker sucht, etwa für Baumscheiben oder andere schwierig zu bepflanzende Stellen, ist mit der Elfenblume bestens bedient.


Es gibt zwei Arten, und von denen jeweils zahllose Sorten. Die europäischen Varianten sind die wüchsigeren und vertragen Trockenheit besser. Die asiatischen Elfenblumen blühen womöglich noch schöner, verbreiten sich jedoch nicht so rasch und sind auch etwas empfindlicher gegen Trockenheit. Die meisten Elfenblumen sind wintergrün, was einen weiteren optischen Vorteil darstellt.


Jetzt im Vorfrühling müssen die alten Blätter abgeschnitten werden, auch wenn sie noch so gesund und kräftig ausschauen. Denn zum einen kommt bald frisches Grün nach. Zum anderen hat die Rasur den Vorteil, dass die ebenfalls bald zu erwartenden hübschen Blüten den neuen Austrieb überragen und auf diese Weise sehr viel besser zur Geltung kommen. Auf ein paar Quadratmetern greift man zu diesem Zweck zur Gartenschere. Die Briten hingegen, in deren Parks alles viel größer ist als bei uns Schrebergärtnern, fahren ohne zu zögern mit dem Rasenmäher über die ausgedehnten Felder des Horny Goat Weeds. Die Schafe und Ziegen weiden derweilen auf der anderen Seite des Zauns.

Erschienen in der Presse

Elfenblumen
Zart und klein

Elfenblumen. Sie sind langlebige, robuste Stauden, die zu einem sehr dichten Teppich heranwachsen. Vermehrt wird durch Teilung, was einigen Kraftaufwand erfordert. Das Wurzelgeflecht ist dicht und zäh. Spaten vorher anschärfen.

 

Pflege. Unkompliziert! Auch wenn Sie die Pflanzen im zeitigen Frühjahr nicht zurückschneiden, bleibt der Teppich schön. Das neue Laub verdrängt im Laufe der Zeit das alte. Nur die Blüten sind nicht so gut sichtbar.

 

Aphrodisiakum. Nicht übermütig werden. Es gibt keine Test, die an Menschen gemacht wurden, deshalb wird vor dem Verzehr von Elfenblumenblättern gewarnt. Wenden Sie sich lieber an den Chinesischen Arzt Ihres Vertrauens.