Ein unerklärliches Phänomen greift dieser Tage wieder um sich, und zwar dort, wo sich Straßenböschungen befinden, und wo noch bis vor kurzem ein wundervolles Blühen und Summen stattfand. Doch der kommunale Säuberlichkeitswahn sorgt dafür, dass spätestens Anfang Juni alles kurz und klein geraspelt wird und fürderhin die Stoppelglatze regiert.
Wozu? Ist nicht allgemein bekannt, dass ein Insektensterben stattfindet? Weiß man immer noch nicht, dass jeder Quadratmeter Wiese, jedes Blümchen zählt? Wenn eine kleine Zone links und rechts der Straße abgemäht wird, versteht das jeder, denn Sicherheit und Blickfreiheit gehen vor. Aber ganze blumenübersäte Böschungen abzumähen, wie es überall und unweigerlich geschieht, ist letztlich nur idiotisch.
Der ökologische Mähkalender der Wiese besagt, dass etwa Magerwiesen erst dann zum ersten Mal in der Saison gemäht werden sollten, wenn die Margeriten verblüht sind. Das hat mit Ausreifen von Samen, Erhalt diverser Pflanzengemeinschaften und unterschiedlichen Entwicklungsstadien von Tieren zu tun, und dieser Zeitpunkt ist noch lang nicht erreicht.
Die Margeriten, diese schönen, hoch aufgeschossenen Blumen stehen derzeit in voller Blüte, und wo sie nicht gerade wieder einmal abgesäbelt wurden, bilden sie gemeinsam mit blühenden Gräsern und dem violettblauen Wiesensalbe einen zauberhaften Anblick.
Die Wiesen-Margerite, von der es diverse Unterarten gibt, ist eine mehrjährige, doch nicht sonderlich langlebige Wildpflanze. Wo sie vor der Samenreife abgemäht wird, verschwindet sie, und dass das ein Trauerspiel wäre, kann man derzeit etwa auf der B17 zwischen Neunkirchen und Wr. Neustadt anschaulich verinnerlichen. Denn dort wurde zwar der Straßenrand gemäht, doch dahinter darf es noch wuchern. Es blühen ungezählte Margeriten, dazwischen der Wiesensalbei, und auch wenn die Autos vorüberdonnern summt, zirpt und krabbelt es betörend.
