1.1.2024

04 Bachforelle

Jeder weiß, dass sie gut schmeckt – aber wem ist bewusst, das sie bis zu 18 Jahre alt, über einen Meter lang und bis zu 18 Kilo schwer werden kann, die rot-schwarz-Getüpfelte?

Die Quelle lag versteckt im Schilf. Im Sumpf vor dem Waldrand, schon ab Mittag im Schatten. Unheimlich. Jedenfalls wenn man klein genug war, um den Glauben an Waldgeister, Nixen und Wassermänner noch nicht ganz verloren zu haben. Selten kam jemand hierher. Wozu auch? Im Sommer musste man erst durch ein Brennnesselfeld, dann hinein in Schilf und Schlamm. Immer barfuß. Millisekunden voller Schrecken, wenn einpaar Meter weiter ein Reh absprang, aber die Mutprobe war es wert.

Das Ziel war ein Ort wie aus dem Märchenbuch: Aus dem Boden floss an mehreren Stellen klaresWasser, auch im Hochsommer war es kalt. Es tränkte das Schilfdickicht, füllte Pfützen, auch unergründliche dunkle Becken, durch die man ungern watete, es malte im Flachen Marmormuster in Sand und Schlamm und sprang, schließlich eingefangen und in ein Eisenrohr geleitet, als plätscherndes Bächlein in den obersten Fischteich– in das Unterwasserreich der jungen Forellen.

Dort war man wieder in Sicherheit. Die fingerlangen Winzlinge waren blitzschnell und wendig und blinkten silbrig zu uns herauf. Ganz anders ihre Eltern, die Zuchtfische im untersten Teich. Riesenhafte Schatten. Die Alten waren eine eigene, Respekt einflößende Liga. Der Teich begann zu brodeln, wenn man das Fischfutter in breitem Bogen warf. Eine von ihnen war auf einem Auge blind. Der Großvater fütterte sie extra, wenn sie geschwommen kam, schnippte er ihr mit dem Daumen einzelne Futterkörner direkt vor das Maul.

Im Winter, zur Laichzeit, fingen wir die schweren Fische mit Keschern und streiften die Fischeier und den Samen der Milchner in den Kübel. Wer nie einen so großen zappelnden Fisch gehalten hat, weiß nicht, wie viel Kraft in einer ausgewachsene Forelle steckt. Die befruchteten Eier kamen in stets von frischem Wasser durchspülte Siebeinsätze in der Hütte, durch die ein Teil des Bächleins geleitet war. Die nächsten Monate war es meine Aufgabe, die nicht befruchteten, weiß gewordenen Eier vorsichtig abzusaugen, ohne die anderen Eierchen zu bewegen. Dann das Schlüpfen, die winzigen Fischlein mit dem Dottersack, später dann das Besetzen des Teiches.

Wir mochten die Bachforellen mit ihren schwarzen und roten Punkten lieber als die Regenbogenforellen, und nie durfte man beide in einen Teich setzen. Denn die Amerikanerinnen wachsen schneller, sie fressen die langsamer reifenden Bachforellen, und das passiert auch in den kalten, sauerstoffreichen Bächen und Flüssen, wo die wendigen Raubfische zuhause sind.

Ich weiß nicht, ob ich es noch könnte, doch für uns Kinder war es ein Sport, überall, wo es Forellen gab, sehr vorsichtig und langsam ins Wasser zu waten, den Sonnenstand und den Schatten, den man warf, im Blick zu behalten, und einen in der Strömung stehenden Fisch mit beiden Händen zu fangen. Erst sehr behutsam und dann zackig schnell muss man sein, und die Kiemen mit den Daumen erwischen. Und dann am besten gleich wieder auslassen.

Kaltes, sauberes Wasser

Drei, vier Jahre dauert es, bis Bachforellen geschlechtsreif sind. Bis zu 18 Jahre werden sie alt, über einen Meter lang und bis zu 18 Kilo schwer. Insektenlarven, kleine Fische und Krebstiere sind ihre Nahrung.

Besatz mit fremden Arten, verschmutztes und zu warmes Wasser, regulierte Flussläufe, Staustufen, Turbinen – all das ist der Tod der Bachforelle.

Gerade einmal drei Prozent der Fließgewässer hierzulande sind nicht reguliert.

Was das bedeutet, kann sich jeder selbst ausmalen. Dass man um jeden Meter noch existierenden Wildbach kämpfen muss, ebenso.

Das letzte Paradies

-> Eine Geschichte über die letzten Flussparadiese Europas auf dem Balkan, die allesamt gefährdet sind. Tausende Kraftwerke sind geplant.

Zum Glück gibt es Leute und Organisationen wie Riverwatch, die um diese letzten Prachtgewässer kämpfen und durchaus erfolgreich sind.

Blue Heart Full Film

-> Hier eine große Empfehlung:

Ein Film über die letzten intakten Flusslandschaften Europas auf dem Balkan. Atemberaubend – unbedingt die Zeit nehmen und anschauen!

Videos:

Bundesforste: Rückkehr der Bachforelle
Junge Bachforellen
Laichzeit
Projekt das_kleine_leben

Was wäre ich ohne meine kleinen Freunde?

Ohne Hummeln, Pelzbienen und Bachforellen, ohne Kreuzspinnen, Igel, Rotkehlchen, Bussarde?

Das ist die Frage, und das Projekt das_kleine_leben sucht die Antwort. Ein Jahr lang und darüber hinaus.