16.12.2023

Alfreds Reise mit dem Bilch

Die Familie der Bilche hat nicht nur reizende Geschöpfe wie die Haselmaus hervorgebracht, sondern auch einen ebenso possierlichen Tunichtgut namens Siebenschläfer. Wenn der nicht ruht, kann er sehr, sehr laut sein.

Unbemerkt von den meisten von uns, die wir durch unsere Leben hetzen, ohne nach links und rechts zu schauen, geschweige denn nach oben oder unten, haben die Amselhähne dieser Tage ihren Morgen- und Abendgesang eingestellt. Es ist spät in der Saison. Die Reviere müssen nicht mehr durch Kampf und Geschrei abgesteckt werden. Man darf jetzt den orangen Schnabel halten und alles ein bisschen langsamer angehen. Auch die Glühwürmchen irrlichtern nicht mehr durch die Gärten. Ihre Paarungszeit ist vorüber. Sie sind zwar noch da, haben aber ihr kaltes grünliches Licht abgedreht, also sieht man sie nicht mehr. Schade eigentlich.

Doch die meiste Zeit über hat der Mensch, dieses hastig stets auf sich konzentrierte und anderen gegenüber unaufmerksamem Geschöpf, sowieso jeden Blick auf die ihn umgebende Tierwelt samt ihrer zahllosen Wunder verloren. Dabei wimmelt es in jedem Garten, in jedem Stück Grün nur so von Kreaturen, die alle in ihrem eigenen Rhythmus leben und miteinander verbunden, wenn auch nicht immer verbündet sind. Igel, Marder, Fledermäuse, Eidechsen, Ringelnattern, Mäuse und so weiter.

Meistens bemerkt man wenig von diesen scheuen Mitbewohnern, doch gibt es Ausnahmen. Im Dachboden hausende Marder zum Beispiel. Oder ein besonders niedliches Tier, höchstens 18 Zentimeter klein, das der Familie der Bilche angehört und auch alle Attribute dieser außerordentlich possierlichen Sippe trägt: Flauschiges Pelzchen, runde Öhrchen, riesige schwarze Knopfaugen, einen eichkätzchenhaften Schwanz, ein reizendes, gern in schnupperndem Zittern befindliches Bärtchen.

Die Siebenschläfer, enge Verwandte der Haselmaus, sind gesellige Tiere. Sie treten selten allein, meistens in fröhlich-unternehmungslustigen Sippschaften auf. Dann poltern sie, wenn sie nicht gerade schlafen, lautstark und mit der Rücksichtslosigkeit unerzogener Halbwüchsiger durch die Nächte und erwecken alles und jeden in der näheren Umgebung. So auch Alfred D. Der teilt seinen Schlafplatz seit Jahren mit den Bilchen, denn sie wohnen direkt über ihm in unerforschlichen Hohlräumen des alten Dachbodens. Dort gefällt es ihnen ausgezeichnet. Im Sommer ist rundherum alles voller Obstbäume. Im Winter herrscht wohlige Wärme, und immer haben sie im Alfred einen herzensguten Hausherrn, der ihnen nie was zuleide tut.

Diese Bilche leben im Paradies. Gelegentlich dringt einer von ihnen - oder vielleicht auch mehrere - durch Ritzen bis in die gute Stube hinunter, huscht über Bücherregale, wieselt zurück zu seiner Familie, poltert ein wenig über lose Bretter und lässt den guten Alfred einmal mehr in Schlaflosigkeit zurück.

Doch wem der Schlaf zu oft und zu lang geraubt wird, der verzagt. Der will nicht mehr mit Bilchen leben. Im Falle der Siebenschläfer greift man dann zur Bilchfalle, doch was tun, wenn dann tatsächlich einer in Gefangenschaft gerät? Alfred D. berichtete sofort am Telefon über seinen Fang, und er klang stolz und voll schlechten Gewissens zugleich: Man könne sich gar nicht vorstellen, wie entzückend so ein Quälgeist aus der Nähe betrachtet sei, meinte er. Was er denn mit dem Siebenschläfer gemacht, wo er ihn ausgesetzt habe, fragte ich.

Alfred schwieg kurz, dann meinte er: "Er sitzt neben mir im Auto." Alfred, sagte ich, was machst du mit einem Bilch im Auto? "Na fahren. Zu Terminen." Er habe es noch nicht über sich gebracht, den Kleinen auszusetzen, musste gleichwohl eine nicht unerhebliche Tagesreise quer durch zwei Bundesländer antreten, wollte das Tierchen jedoch nicht allein in der Falle zurücklassen,
und, selbstverständlich!, habe er den Siebenschläfer mit diversen Leckereien versorgt. Salat möge er nicht so gern, Marillen seien bis dato eindeutig seine Lieblingsspeise. Was zum Teufel solle er aber jetzt mit ihm machen?

Wir stellten uns die besorgte Bilchfamilie auf dem Dachboden daheim vor - und den kleinen Entführten, ausgesetzt irgendwo in der einsamen Kälte der Fremde, im Wald etwa gar, ohne Dachboden und Obstbäume weit und breit. Alfred, sagte ich, das kannst du nicht machen, bring ihn wieder heim. "Mein Gott", meinte er erleichtert, "ich bin so froh, dass du das sagst. Den ganzen Tag ist mir schon schwer ums Herz."

Der Bilch soll, nachdem er im Auto gut versorgt mit den Früchten der Saison etwa 300 Kilometer durch Österreichs Lande gereist war, bereits in der letzten Kurve vor seinem heimatlichen Dachboden im Haus am Waldrand Anzeichen freudiger Erregung gezeigt haben. Als er aus der Käfigfalle hüpfte, wusste er jedenfalls ganz genau, wohin er eilen musste. Er strebte seinem guten alten Bücherregal zu und erreichte den Dachboden in Windeseile. Alle drei waren wir glücklich.

Na endlich! Wieder daheim. Fast zumindest.

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Türchen offen – aber man traut der Angelegenheit nicht.

Sprung in die Freiheit, komplett unscharf.

Irgendwo da hinten sind die anderen, uff!