Vor Zeiten besuchte mich Daniel Spoerri in meinem Garten. Es war Juni, wir saßen oben im Obstgarten auf der alten Holzbank, tranken Pfefferminztee und aßen Kirschen von den beiden Bäumen, die uns beschatteten. Schwarze Knorpelkirsche links, Prinzesskirsche rechts. Wenn eine wurmig war, warfen wir sie über den Zaun zu den Hühnern. Welche schmeckt dir besser, fragte ich ihn, und wie immer, wenn hier Kirschen verkostet werden, gewann die Prinzessin haushoch.
Weißt du, sagte der damals schon alte Künstler, der selbst zeitlebens viel in Gärten unterwegs gewesen war und auch welche angelegt hatte: In der Zeit, die du in diesem Garten verbracht hast, hättest du drei Romane schreiben können. Ja, möglicherweise. Aber es hätte mich nicht glücklich gemacht. Vielleicht bin ich für diese Art von Arbeit auch einfach zu faul, zu epikureisch veranlagt. Wenn hingegen das, was man tut, Spaß macht, Befriedigung verschafft, dich ganz einfach froh macht, dann möchte ich es nicht Arbeit, sondern Leben nennen. Und das war immer das Ziel. Schließlich hat man nur eines. Deshalb hat mein Haus auch sieben Türen, und alle führen sie hinaus in den Garten.



So gut wie jeder, der meinen Dschungel besucht, stellt recht bald dieselbe Frage: Puh, das ist aber schon sehr viel Arbeit, oder? Ja klar, es ist unendlich viel Arbeit, und sie hört nie auf. Du hast ewig dreckige Fingernägel, bist von oben bis unten zerkratzt und zerstochen. Es gibt keinen Moment, in dem hier nichts zu tun ist, und genau das ist eine der Herrlichkeiten, die ein Garten zu bieten hat. Im Laufe vieler Jahre ist dieser hier aus einem Feld entstanden. Zuletzt wuchsen Sonnenblumen auf dem Acker, dann lag er brach, und wenn ich die noch kahlen Bilder von früher mit dem Anblick von heute vergleiche, frage ich mich selbst manches Mal, wie ich es geschafft habe, und es erfüllt mich mit großer Zufriedenheit. Es war ein langer, lohnender Weg, und es hat immer Spaß gemacht.
Doch nichts hier ist perfekt. Keine Stelle, die nicht verbessert werden könnte, und die echten Gartenprofis hätten wahrscheinlich vieles auszusetzen und ganz anders gemacht. Besser, gekonnter, schöner, praktischer. Automatisierte Bewässerungen hier, architektonische Elemente dort. Aber das spielt keine Rolle. Jeder soll seinen Garten nach der eigenen Fasson gestalten, und die Überlegung, welche Rolle er spielen soll, steht an erster Stelle, denn jeder Garten entwickelt ein eigensinniges Eigenleben, und dem sollte man gewachsen sein.

Ein Garten kann seinen Besitzern vieles sein. Ein Vorgärtchen etwa, das eher die Außensicht befriedigt, weil man es weniger für sich selbst als für die Nachbarschaft und für die Passanten behübscht, weil man sich nicht genieren will, wenn hier nur Gestrüpp wächst. Dann wird der Garten zur Arbeit. Er kann eine parkartige Anlage für die Betuchten sein, die von bezahlten Kräften gepflegt wird, weil man es sich leisten kann, die Arbeit auszulagern. Oder ein kleiner Bauerngarten mit Obstbäumen, Beerensträuchern und Gemüsebeeten zur Selbstversorgung, wie er früher noch vor jedem Häuschen auf dem Land zu finden war. Man kann aufwendige Gärten anlegen und pflegeleichte, wilde und geschniegelte, man kann den Garten als Bürde begreifen oder als lustvolles Betätigungsfeld.
Die hier miteinander assoziierten Gartenmenschen gehören alle letzterer Fraktion an, und wenn man durch die Gegend fährt und über die Zäune schaut, so darf man annehmen, dass wir sehr viele sind. Nicht alle, aber die meisten Gärten sind wohlgepflegt und bunt bepflanzt, und sogar die Thujenwände werden immer weniger. Wir tauschen Pflanzen, Sämereien, Erfahrungen und Ableger aus, und an den Abenden läutet oft das Telefon. Haben deine Schwertlilien auch schon wieder diese widerliche Pest? Mascha ist dran, ihre Irisblüten stehen knapp vor dem Aufblühen, und irgendwelche Käfer fressen sie auf. Schon wieder! Der ganze Garten stinkt nach Knoblauch, sagt sie, und ich auch. Mascha ist Russin. Sie behandelt alles mit Knoblauch, durchaus erfolgreich übrigens. Menschen, Hunde, Pflanzen. Knoblauchbrühe mit Asche und Seife, jede Blüte hat sie damit gewaschen, das hat schon voriges Jahr geholfen, nur die Wühlmaus lässt sich mit Knoblauch nicht vertreiben, obwohl geschrieben steht, dass das helfen soll.



Die Gartenbande ziehen sich tatsächlich über den halben Globus. Alain schickt Fotos aus seinem Zaubergärtlein in Frankreich von einer seiner geliebten Rosen, die voriges Jahr so krank war, umgesetzt, geschnitten, gedüngt wurde und nun wieder prächtig blüht. Und alle beneiden wir Melanie, die im brasilianischen Dschungel ganz besondere Bienen züchtet und sieben Sorten Bananen.
Während wir Fotos hin und her schicken, telefonieren und über Pflanzen und Tiere austauschen, laufen nebenbei die Abendnachrichten. Sie sind unschön wie meistens, und die statistisch fundierte Mitteilung, dass der Frühling heuer so trocken war wie nie zuvor, erfüllt uns nicht gerade mit Freude. Doch mit Unabänderlichem muss man sich abfinden. Auch das bringt dir der Garten bei. Er steckt immerhin voller lebendiger Kreaturen, und wenn sie leiden, leidest du mit ihnen. Die besonders Durstigen unter den Pflanzen wurden vor Jahren aufgegeben, verschenkt oder in Töpfe gepflanzt, in denen sie bessere Überlebenschancen haben. Für Vögel, Kröten, jegliches Getier stehen allerorten Wasserschalen und kleine Wannen bereit. An den moosbewachsenen Rändern sitzen unzählige Bienen und oft auch Schmetterlinge. Trinkt euch nur satt. Den putzigen Rotkehlchen, den Amseln beim Baden zuzuschauen, ist auch immer beglückend.
Tatsächlich kann man den Garten und seine Bewohner als lebenslange Lehrmeister betrachten, als vielgestalten Freund und Partner. Du gibst ihm, er gibt dir zurück. Nicht nur in Form delikater Speisen, wie den knackig-säuerlichen Prinzesskirschen, den unvergleichlich besseren Karotten und Paradeisern, all den Kräutern und Bio-Eiern der Hühner, den Duftrosen und Storchschnabelblüten, dem Bienensummen in der Linde, wenn sie blüht. Er bringt dir bei, dass alles mit allem in Zusammenhang steht und die Welt unendlich viel feiner gesponnen ist, als man als Mensch nur erahnen kann.
Seit ein paar Faulbäume gepflanzt wurden, gibt es wieder zahllose Zitronenfalter. Seit es den Teich gibt, hüpfen Frösche, schlängeln junge Ringelnattern, schwirren Libellen, tanzen Fledermäuse und jagen nach Insekten. Seit die Paradeiser nicht mehr neben den Kartoffeln stehen, gedeihen sie, weil die Erdäpfel eigenwillige Gesellen sind, fast so ungesellig wie der Nussbaum, der die Konkurrenz mit seinen wachstumshemmenden Ausdünstungen klein hält.

Mein Garten und ich, wir sind miteinander gewachsen und ziemlich alt geworden. Ich zumindest. Die von mir gepflanzten Ahornbäume hingegen können 500 Jahre alt werden, und manchmal frage ich mich, was aus dem Garten wird, wenn ich nicht mehr bin. Wenn meine Nachfolger nur die Arbeit sehen, die er macht, wird mir der Garten schnell in die Grube nachfolgen. Wenn das Rad des Schicksals doppelt gewogen ist, wird da jemand sein, der ihm mit Interesse begegnet und lernt, ihn zu lieben. Dann wird ihn der Garten beglücken und ebenso zurücklieben wie mich.









