Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt. Über diesen Satz Ludwig Wittgensteins kann man ein Leben lang nachdenken, man kann ihn auch aus unterschiedlichen Perspektiven überprüfen. Über 7000 Sprachen kennt die Menschheit. Wer eine andere als seine Muttersprache sehr gut erlernt, am besten in einem fremden Land, der beginnt in dieser Sprache auch zu denken und bestenfalls sogar zu fühlen – und nichts anderes passiert, wenn man tief in die Natur hineinschaut und durch die Risse im Gewebe der sogenannten Zivilisation auf die andere, die wilde Seite blickt. Man beginnt langsam zu verstehen und die Natur lesen zu lernen.

Die Menschen, heißt es, hätten den Tieren die Sprache voraus. Wie arrogant, wie ignorant. Die Welt um uns spricht ihre eigenen Sprachen, und es sind unerschöpflich viele. Man muss nur hören, schauen, lernen.

Ich stelle mir vor, ich gehe durch meinen Garten, und ich kenne die Namen der Pflanzen nicht. Ich wüsste nicht, welcher Vogel singt, ob er sein Revier verteidigt, ob er einen Partner anflötet oder einfach ein Schwätzchen hält, wie die jungen Meisen das gerade in Scharen tun. Sie sind wie Kindergartenkinder, die ununterbrochen die Schnäbel aufreißen vor Begeisterung für die Welt. In diese Vielsprachigkeit kann man eintauchen oder nicht,

aber es ist schwierig, sie jenen näherbringen zu wollen, die sich nicht dafür interessieren.

Zum Glück gibt es Spätberufene, die beide Zustände kennen und miteinander vergleichen können. Eva Menasse, bereits Meisterin der ziselierten Sprache, als wir im profil ein Zimmer teilten, übernahm vor 20 Jahren mit ihrem damaligen Mann und dessen zwei kleinen Kindern ein Häuschen in einer wilden Gegend Brandenburgs, eine Stunde außerhalb von Berlin. „Ein Haus, das man nicht findet, wenn man nicht genau weiß, wo es liegt, ein Haus mitten in der Pampa.“ Wo die Betonplatten des vormaligen Parkplatzes unter riesigen Kiefern vor sich hin bröselten und die ehemalige Kneipe aus DDR-Zeiten umkränzten, gedeiht nun ein feines, wildes Gärtchen, einsam gelegen mitten im Wald, am Rande eines Sees.

Wie es damals eigentlich dazu gekommen sei, frage ich sie, aus der Stadt aufs Land? Schuld sei ein Urlaub in Österreich gewesen, sagt sie, und zwar ein bestimmter Moment. Der kleinste Stiefsohn, damals Vier, habe auf eine Ameise gezeigt und hysterisch geschrieen: „Sie lebt! Sie lebt!“ Eva Menasse: „In dem Moment war mir klar, diese Kinder müssen mit mehr Natur konfrontiert werden, weil sie sonst glauben, dass es lebende Tiere nur im Fernsehen gibt.“

Das Haus war jahrelang leer gestanden, eine Bruchbude, bei deren Anblick Menasses Vater in für ihn typischer, komischer Übertreibung ausrief: „Ein Millionengrab!“  

Als die Vorbesitzer gebeten wurden, zumindest einen Teil der Betonwüste abzutragen, meinten die verwundert: Wozu das denn? Die Kinder könnten dort doch Rollschuhfahren. Der Beton kam weg, Rasen wurde gesät, immerhin, es war ein Beginn.„Bei den ersten Festen haben wir stets gebeten, die Gäste mögen statt Wein Pflanzen mitbringen, also sind die Leute mit irgendwelchen Blumenkübeln dahergekommen. Die waren genau so ahnungslos wie wir. Ungefähr die Hälfte der Pflanzen hat funktioniert, die andere nicht, es war learning by doing.“ Dazu muss angemerkt werden, dass die Brandenburger Seenplatte eine sehr sandige, nicht sonderlich humusreiche und meist trockene Gegend ist, und entsprechend bröselig karg ist auch der Gartenboden. Nicht einfach zu bepflanzen, aber mit der richtigen Auswahl bewältigbar.

„Eine der ersten Pflanzen, die sehr gut funktioniert hat, war ein roter Perückenstrauch, den uns ein glatzköpfiger Freund mitgebracht hat, weil er den Namen lustig fand. Der ist hervorragend gediehen, während mehrere Versuche mit Wein komplett gescheitert sind. Aber so hat es begonnen, mit irgendwelchen Geschenkpflanzen.“ Darunter war auch eine Rose, die gleich vor dem Haus einen Platz fand, der ihr offensichtlich behagte. Duft und rosa Blütenrausch in Mannshöhe.

Die Kinder werden groß, die Lebensumstände ändern sich, die Gegend ist einsam, und in einer Umbruchsphase fasste Eva Menasse den Entschluss, das Haus samt Garten zu verkaufen. „Ich bin dann noch einmal hinausgefahren, und da stand diese Rose, die ich vor so vielen Jahren zum Geburtstag geschenkt bekommen hatte, und sie war mit hunderten Blüten übersät. Sie ist dagestanden wie eine Installation, die gesagt hat: Aber ich bin doch auch hier! Warum willst du mich verkaufen? Und diese Rose hat mich so gerührt, dass ich gedacht habe, nein, ich versuche es jetzt noch ein paar Jahre, auch wenn ich allein damit bin.“

Wir haben in der Folge gemeinsam eine ganze Reihe diverser Rosen sorgfältig ausgewählt, gepflanzt, und die meisten sind prächtig gediehen. „Die englischen Rosen sind die unkomplizierten, sie wuchern zwar und man muss sie zwischendurch professionell schneiden, aber dankenswerterweise kommst dann du und machst das für mich, genau so wie das Schneiden des Apfelbaums.“

Eines Frühlings fuhren wir gemeinsam in einen Grünmarkt. Es war beschlossen worden, den schon recht gut bestückten, dennoch etwas kargen Garten aufzumotzen. Eva: „In dem Moment, in dem wir beide in den Markt gegangen sind und du geschrieen hast, Menasserl, wir brauchen einen zweiten Wagen, habe ich mich wie ein Analphabet gefühlt, der in eine Bibliothek kommt und nur sehr vieles vom selben sieht. Ich würde dort einen Autor nach dem anderen entdecken, diese und jene Gesamtausgabe erblicken, aber hier bin ich mir wie ein bescheuerter botanischer Analphabet vorgekommen. Für mich waren das nur irgendwelche Pflanzenmassen, keine hatte irgendeinen Namen für mich, eine Überfülle, in der ich kein Detail entdecken konnte, während du das Angebot sofort erfasst hast. Das war ein sehr interessanter Moment, weil ich erkannt habe, was für einen riesigen Wissensvorsprung jemand hat, der schon als Kind diese Kreaturen alle kennengelernt hat. Mir fehlt das, und deshalb muss ich dich auch jedesmal befragen.“

Also kommen gelegentlich Fotos auf dem Handy mit dem Nachsatz: „Was ist das?!“ Oft lautet die Antwort: „Unkraut, reiß es aus.“ Es kommen aber auch Fotos der blühenden Samthortensie und des überraschend prachtvollen Rhododendron. „Seit ich weiß, dass man die alten Blüten abzupfen muss, damit die neuen genug Kraft haben, macht er mir jedes Jahr Ende Mai, Anfang Juni große Freude, weil er wirklich ausschaut wie Pop-Art mit seinem krassen Pink.“ Auch die Veitschi hat das Haus mittlerweile überwuchert und gedeiht besser als der anfangs angestrebte Wein. „Sie produziert genau das, was ich mir immer gewünscht habe, ein überwachsenes Hexenhaus.“

Kann es sein, frage ich, dass mit diesem Ort und mit diesem Garten die Botanik auch in deiner Literatur Einzug gehalten hat? In „Dunkelblum“ gibt immer wieder Bezüge zu Pflanzen und zu Landschaften. „Ja“, sagt sie, „ich habe mich von jemandem, der sehr wenig Ahnung hatte, zu jemandem entwickelt, der zumindest ein bisschen Beziehung dazu hat, und mir ist selbst aufgefallen, dass die Natur in Dunkelblum eine Rolle spielt. Das hat mit dem Garten zu tun, aber auch mit der Erkenntnis, dass in Landschaften die Geschichte eingeschrieben und aufgehoben ist. Dieser Ort hier ist eine Art Schichttorte deutscher Geschichte.“ Das Haus steht auf den Ruinen eines vormaligen Wehrmachtscasinos. Zu DDR-Zeiten war ein Teil der Gegend Stasi-Sperrgebiet, und in dem betonierten Kneipengastgarten saßen in den Osten geflüchtete Ex-RAFler noch bis in die frühen 1990er-Jahre bei Würstel und Bier.

Heute wird da draußen zwar gerne geurlaubt und auch ordentlich gefeiert, aber fast noch wichtiger ist das Hexenhaus mit den duftigen Rosen, mit den im Plastiksackerl nach Berlin geschickten, zerrupften, doch zwischenzeitlich ganze Flächen überwuchernden Storchschnäbeln als Rückzugsort für die literarische Schreibarbeit. „Ich merke, dass beim Pendeln zwischen dem Garten und dem Computer meine besten Schreibphasen entstehen. Ich habe die meisten meiner Romane draußen im Garten geschrieben, weil es dort dieses Hin und Her gibt zwischen dem Denken und dem Gehen und der Arbeit mit den Händen, dem Kochen, dem Unkrautzupfen und Herumschnippseln. Ein paar Wochen in der Wildnis, möglichst wenig Besuch – und dann entsteht ein Buch in mir drin. Es gibt zwar gelegentlich das Gefühl der Einsamkeit mitten in diesem Wald, wenn die Bäume manchmal näherkommen, aber im Grunde ist es die einzige Form von Konzentration, die bei mir wirklich gut funktioniert.“

Wir kennen einander seit einer Zeit, als wir fast noch seidige Welpen waren, quasi mit Milchzähnen, doch schon recht sicher auf den Schreibtatzen, und es passt schön in das Bild, wenn Eva Menasse sagt: „Ich möchte diesen Garten so behandeln wie ein halb erwachsenes Kind. Ich sage ihm, mach, was du nicht lassen kannst, und was du nicht kannst, das passiert halt nicht.“

Wenn man sich nicht ein bisschen zurücknimmt, still ist, zumindest gelegentlich durch die Risse lugt und ein paar Schritte über die Grenzen geht, bleibt die Pflanzen- und Tierwelt ein verborgenes Paralleluniversum, dem man achtlos gegenübersteht oder schlimmstenfalls darübertrampelt. Eva Menasse: „Diese Geschichte sollte mindestens zu dem Ende führen, dass auch Leute, die noch gar keine Ahnung haben, sich zutrauen sollten, Gärten anzulegen.“